Tuesday, July 22

Alte Bäume verpflanzt man nicht
















































Und sie tun es doch. So geschehen am anderen Ende der Welt. Obwohl, was heißt das schon: am anderen Ende der Welt. Bekanntlich ist die Erde rund, da gibt es keinen wirklichen Anfang und kein wirkliches Ende. Oder?

3200 Kilometer hat er sich bewegen lassen, auf einem 25 Meter langen Sattelschlepper von den Kimberleys im Norden Westaustraliens nach Perth in den Kings Park. Eine Attraktion, die seine Zuschauer hat und gebührlich zelebriert wird.

750 Jahre ist der Baum alt, ein so genannter boab tree, der umgepflanzt wurde. Mal eben so? Nein, natürlich nicht. Denn ein Highway wird im Norden ausgebaut und tatsächlich stand dieser Baum im Weg. Auf meine Frage an Thomas, warum man den HW nicht einfach drum herum baut, bekomme ich die Antwort, dass das wohl zuviel kosten würde.

Wir sehen in den Abendnachrichten einen wunderschön ausgeschwungenen Baum mit voller Krone und einer Pracht, die uns schon am Fernseher staunen lässt. Wie um Himmels Willen soll der so weit transportiert werden? Noch am Abend zuvor philosophieren wir mit Freunden, dass der Baum ein unglaubliches Wurzelgeflect haben muss. So tümmeln wir uns in unserem Halbwissen und sind ein wenig angesteckt von der Euphorie. Übereinstimmend schlussfolgerten wir, dass die wohl vorher erstmal so eine Art Röntgenaufnahme gemacht haben müssen, um zu sehen, wie tief und wie breit die Wurzeln ausgeschlagen sind.

Ein 130 Tonnen Kran brachte am Sonntag den 14 Meter hohen Baum in die richtige Lage, um ihn in die 3 Meter tiefe Grube herunter zu lassen. Thomas und ich kommen gerade rechtzeitig. Sie sind noch am Tun und die Redner reichen sich das Mikrofon nacheinander in die Hand. Zwischendurch tümmeln sich Aboriginis in Fell eingehüllt und einen Helm tragend. Sicher wegen der Unfallgefahr. Ein komischer Anblick.

Menschen haben die Straßen gesäumt, als der Baum wahrscheinlich auf seine größte und einzige Reise gegangen ist. Nun hat er einen neuen Standort und einen wunderschönen Blick auf den Swan River vom Botanischen Garten im Kings Park aus. Da würde ich auch gerne stehen und der Dinge harren, die so kommen. Nichts kann man mir anhaben. Weder Sonne, noch Wind oder Sturm. Regen will ich, wenn ich Durst habe. Ansonsten ruhen.

Die veranstaltete Rauchzeremonie der Nyoongar people hieß den Baum willkommen. Nun steht er neben 14 anderen Boabs und hat die Gesellschaft von weiteren 3000 anderen Pflanzen. Die Gija people (Aboriginis aus dem Norden) haben den Baum verabschiedet. Das Feuer bzw. der Rauch soll das Zuhause und das Zusammensein beweihräuchern.

Die Tradition besagt, dass man dort ein Feuer machst, wo man sein Zuhause hat, das ist dort wo unser Leben ist, wo wir singen und tanzen. Der Geist des Feuers schwebt um Jeden. Sie haben extra Brennmaterial aus den Kimberleys mitgebracht, um es zu verbrennen und alle zusammen zu bringen.

Es ist das erste Mal, dass ein Baum in diesem Alter über eine so große Distanz transportiert und umgepflanzt wurde.

Und wie wir schlussendlich sehen, hat die Krone ordentlich an Umfang verloren. Und die Wurzeln waren kaum zu erkennen. Ein staunender Zaungast erzählte Thomas, dass dieser Baum eher kleine Wurzeln hat. Er speichert das Wasser in seinen Armen. Macht ja auch mehr Sinn. Denn die Erde im Norden ist so trocken wie ein Zellstoff.

http://www.abc.net.au/news/stories/2008/07/18/2307969.htm

Saturday, July 12

Neulich

Überkommt mich der Wunsch, eine liebe Freundin in Berlin anzurufen und sie zu fragen, ob wir uns im La Paz treffen. So mal eben gleich um die Ecke. Wäre das nicht schön? Und dann realiserte ich, dass wir beide nicht mehr in Berlin leben. Ich habe mir selber einen Streich gespielt und geschmunzelt, nachdem mir das in Sekunden klar wurde. Trotzdem ich vermisse das.

Freunde treffen erscheint mir immer mehr zu einem bewusst geplanten Akt. Es ist unspontan und passiert nicht mehr von Jetzt auf in zwei Stunden. Auch das vermisse ich.

Wie schwer es ist, neue Freundschaften aufzubauen, wird mir hier immer mehr deutlich. Ich habe es nicht anders erwartet. Flüchte aber doch gerne mal in die Sehnsucht und spüre ab und an einen Frust. Abstände zwischen den Treffen sind manchmal viel zu lang, so dass wir häufig auf der Schwelle wie waren deine Wochen, wie die Arbeit etc. stehen bleiben und nicht so wirklich den Raum der Tiefe betreten. Ich bin froh, dass es eine Freundin gibt, mit der das viel mehr gelingt. Unser Austausch ist das Leben, manchmal von Schwere getragen und manchmal von Freude gezeichnet. Ich bin froh, dass es sie gibt. Sie ist nicht die einzige, zu der ich freundschaftliche Bande geknüpft habe. Aber diese Beziehung ist so, wie ich sie noch nie im Leben erfahren habe. Eine wunderbare Erfahrung und ich bin überrascht zu so etwas in der Lage zu sein.

Ich bin erleichtert, dass wir sehr nette Freunde gefunden haben, mit denen wir ab und an durchaus über dies und das quasseln können. Leider ist es manchmal sehr schwer, dass wir uns die Zeit nehmen in einen anderen Rhythmus des Miteinanders zu kommen.

Rar haben sich alte Freunde gemacht. Freunde, mit denen wir sehr häufig in Berlin unsere tiefsten Gedanken ausgetauscht haben. Ich akzeptiere das.

Überrascht bin ich darüber, dass sich ein paar Leute die Mühe geben, zumindest per email einen stabilen Kontakt zu halten. So ergeben sich auf anderen Ebenen als zuvor Beziehungen, die zwischen den Kontinenten existieren.

Winter

Frische Luft rein geregnet. Kein Smog, kein Staub, keine Pollen. Regen, Sonne, Sturm, Regenbogen, Wolkenhimmel. 20 Grad Höchsttemperaturen am Tag, 10 Grad und weniger am Abend, am Morgen und in der Nacht. Verwöhnt von angenehmen Temperaturen klappert nun auch schon mal das Gebiss. Perth in Australien grünt und ist lebendig. Das Meer schlägt seine Wellen ans Ufer, der Wind pustet die Haare vom Kopf. Drinnen läuft die Klimaanlage zur Höchstform auf, und das Bett ist der kuscheligste Ort, wenn es einmal angewärmt ist. Zu einer Heizdecke haben wir uns noch nicht durch gerungen.

Die Tage düseln so durch den Alltag und ähneln sich in ihrem Rhythmus immer mehr. Die Wochenende werden ruhiger und reizarm. Konzentrieren auf die Mitte und entspannen. Atmen.

Viele neue berufliche Erfahrungen speisen Teile meines Hirns und das Sprachzentrum läuft auf Hochtouren. Zwischen An- und Entspannung schalten die Synapsen hin und her, Transmitter und andere Botenstoffe transportieren Neues und rufen Altes ab.

Monday, June 9

Vom Suchen und Finden

Manchmal plätschert es so dahin. Das Leben. Unser Leben. Eagl wo wir sind auf der Erde. Egal an welchem Fleckchen wir uns nieder gelassen haben oder geblieben sind. Wir leben.
Unser Körper funktioniert in der Regel und erhält alle Funktionen aufrecht. Damit. Wir sind. Streiche spielen uns unsere Gedanken. Die Emotionen sind manchmal diejenigen, die gegen den Strom schwimmen. Und manchmal. Ganz selten. Ist alles im Einklang. Komisch, wenn es fließt. Ungewohnt, ohne die Herausforderung. Einfach nur sein. Häufig treibt uns eine Energie, von der wir nicht wissen, woher sie kommt. Weiter, weiter, immer weiter. Doch wohin nur? Auf das Nach vorne, auf das Voran, auf das Weg vom Jetzt, auf die Zukunft, auf das Ende? Und immer sind wir hier im Jetzt. Jedesmal. Gibt es nur das Jetzt.
Und wenn es nur das Jetzt gibt, wo ist dann die Vergangenheit? Sie ist nicht verschwunden, sie kreist in und treibt uns. Ich entdeckte auf meiner Reise im Jetzt einen durchaus interessanten Spiritualisten, der versucht, Antworten zu geben. Noch vor einem Jahr hätte ich dem nichts abgewinnen können. Nur im Jetzt sein. Wie geht das denn? Ich gewinne und entwickle eine Haltung, die bewusster mit meinem Alltag spielt, als ich es je zuor getan habe. Und ich entdecke mitunter erste Anzeichen einer Antwort auf meine alles leitende Frage "Was werde ich finden?" oder "Wie sieht das Etwas aus, dass ich suche?". Ich habe es präsent, dass das eine meiner Leitgedanken waren, die mich zum Wechsel getrieben haben. Die mich motiviert haben, einen anderen Lebensort zu wählen. Ganz bewusst. Und auf einmal bin ich sensibilsiert. Auf mich und mein Inneres. Ich nehme mehr wahr von mir, als ich mir je bewusst gemacht habe. Ich entdecke mich selbst und das ist es wohl was ich gesucht habe. Ich löse mich vom Wissen wollen, was demnächst passiert, um ja nicht die Kontrolle zu verlieren. Ich schaffe mir Überblick vom Moment, nehme ihn wahr und mich damit ganz anders als zuvor. Ich erkenne an, dass das für mich nichts mit Oberflächlichem zu tun hat. Ich sehe das vielmehr als einen Zugewinn. Ich akzeptiere, nicht aus dem Moment weg zu wollen, um einen anderen zu erreichen. Der ist dann ähnlich oder sogar wieder gleich. Was auch immer. Es ist immer ein Moment. Und ich mag diese Frage, ob ich dem, was da um mich herum ist, einen Raum geben möchte oder nicht. Und erkenne, dass ich damit selbst über dem Moment Kontrolle habe. Kontrolle, das klingt für mich immer noch zu angespannt. Aber es bedeutet auch, dass ich wach bin. Ich bin nicht erleuchtet und befinde mich in diesem Zustand der Erkenntnis nicht dauerhaft. Und darum geht es mir auch nicht.
Mit der Vergangenheit sieht das anders aus. Sie gibt mir Halt, wenn ich waklig bin. Oder sie stürzt mich in ein Ungleichgewicht, wenn ich vermeintlich im Gleichgewicht bin. Ich kann sie nicht abdocken von dem Moment. Das wäre aus meiner Sicht zu emotionslos. Ein Bild ansehen, mit dem ich etwas verbinde, so als ob ich eine dritte Person wäre gelingt mir nicht. Und damit auch nicht das Ausschalten von hoch kommenden Gefühlen, die daran angeknüpft sind. Wie geht das bloß? Und will ich das wirklich wissen?
Nein, im Moment nicht.

Monday, May 26

Rote Erde und kein Ende



































Wer glaubt das schon?
Wer versteht das schon?
Wo kommen all diese Fliegen her?
Was bedeutet der Zauber?
Wie weit ist der Uluru von Perth entfernt?
Welchen Zeitunterschied gibt es zu Perth?
Sieht der Sternenhimmel wirklich so fantastisch aus?
Warum ist der Uluru so rot?
Wo sind die Aborginies?

Wird alles demnächst beantwortet.

Schach matt

Happy Birthday. 38 Jahre und endlich auf meiner Seite. Wie jedes Jahr plagt die Frage, was ich schenken kann. Nicht wirklich überraschend sind irgendwelche Konzertkarten. So eben auch dieses Jahr. Aber, dann passierte doch etwas Überraschendes. Ein Schachspiel. Unsere Abende haben wir vor dem Zubett gehen mit einigen komplizierten Kombinationen verbracht und gar nicht gemerkt, wie die Zeit verging. 3 Stunden später haben wir das erste gemeinsame Schachspiel ausgespielt.


Vor unserer Abreise aus Ayers Rock haben wir uns noch ein Spiel gegönnt, konnten es aber nicht zu Ende spielen. Nach zwei Stunden mussten wir die Stellungen fotografieren, um zu Hause das game zu beenden.

Friday, May 16

Wochenende - jippie

und die Vorfreude auf unseren Kurztripp zum Uluru beginnt. Am Donnerstag tauchen wir in die Mitte, na besser fliegen wir für ein paar Tage und zelebrieren Thomas Geburtstag dort. Ich bin schon sehr gespannt auf die Stimmung und den Zauber dort.

Vorfreude
















quelle: http://www.crystalinks.com/ayersrock.html

Wednesday, May 7

Neues vom Feld

Habe ich eigentlich schon von meinen aktuellen Klienten berichtet? Nein, denn das könnte ich noch erinnern. Hier also ein sogenanntes update.

Männlicher Klient, 26 Jahre, erscheint um über das bingedrinking zu sprechen. Das ist in Deutschland gerade auch in der Presse. Die jungen Leute trinken bis der Arzt kommt, vor allem das Wochenende über. So etwas passiert auch in Australien und ist ebenfalls ein auffallendes Problem. Manchmal erkennen sie, dass es ein Problem werden kann. So geschehen bei diesem Klienten. Der Kater am Montag ist so kräftig, dass Uni schon mal ausfällt. Nach 20 Minuten höre ich dann das folgende Anliegen: Ist Masturbation auch ein Problem? Fragt mich der Klient. Ich war vorbereitet auf diese Frage, denn eine Kollegin hat ihn netter Weise zu mir überwiesen. Ich wartete gespannt, wann er wohl damit raus rückt in unserer Sitzung. Mutig, wie ich finde. Was soll ich sagen, also frage ich meine Fragen und stelle fest. Ja, es ist ein Problem. Sechsmal am Tag und dafür die Vorlesung verlassen, kann ein Problem werden. Ich frage mich insgeheim, wie das geht. Da kommt doch nichts mehr? Entschuldigung für meine unprofessionelle Frage, die ich natürlich nicht von Angesicht zu Angesicht stelle.

Klientin, 23 Jahre, aus China. Sie haßt Perth und kann sich nicht einleben. Sie ist ein Einzelkind, wie die meisten in China. Verfolgt vom elterlichen Druck und den Erwartungen, die an sie gerichtet sind, lassen sie verwzeifeln. So überdenkt sie jeden Gedanen, jeden Tipp, jeden Rat etc. Dass das erschöpfend ist muss ich nicht noch hervor heben. Heute brachte sie Verstärkung mit. Wegen der Sprache. Und so fand ich mich in einem Setting wieder, in dem ich Mandarin (Chinesisch) gehört habe. Ich habe kein Wort verstanden. Netterweise hat die Begleitung brav übersetzt. Was machen die Leute hier, die nicht englisch sprechen können? Und was sie macht dieses Mädchen hier an der Uni?

Das Schlafen unter dem Schreibtisch und andere Probleme habe ich dank Mediation zu einer Einigung bringen können. Ich hatte wohl schon darüber berichtet. Nach 1,5 Stunden war alles gesagt und ein Vertrag unterschrieben. Mal sehen, wie das in 4 Wochen ist, wenn ich die beiden Damen anrufe und frage, wie es aussieht unter dem Schreibtisch.

Und unter uns Professionellen bzw. zwischen uns und unserem Chef brodelt es. Ein Konflikt tut sich auf und es bleibt spannend, wie wir das gelöst bekommen. Deutlich wird, dass Entscheidungsoptionen eindeutig schwarz oder weiß gefärbt sind und die Kollegen wenig erfahren im Adressieren ihres Unmuts sind. Ich muss aufpassen, dass ich mich nicht instrumentalisieren lasse. Dank meiner Herunft und der Gabe, Konflikten in die Augen zu sehen.

Sunday, May 4

Jahreszeiten

Es ist Herbst, wie man vielleicht nur den Bildern entnehmen kann, die den See im Park mit den braunen Farben, eingefangen haben. Wenn man diese Fotos mit denen im Winter vergleicht, wo der See mit Wasser gefüllt ist, dann glaubt man es wahrscheinlich immer noch nicht, dass der See beinah komplett begehbar ist.

Alles sieht wie Frühling aus. Die Luft ist klar, der Duft intensiv und das Licht scharf. Was für ein herrlicher Sonntag im Australien des Wandels, was die Jahresezeiten anbelangt. So könnte es immer sein, nicht zu heiß und nicht zu kalt.

Wenn ich spazieren gehe, habe ich sofort die Farben und Gerüche von Deutschland im Kopf. Es erinnnert mich gerade so an mein Zuhause. Und ich genieße dieses Gefühl, weil ich so nah zu meinen Lieben bin.

Einfach nur herrlich.

So sieht der Herbst ...





... bei uns aus





Tuesday, April 29

Klappe, die 250ste!!!

Rotwein im Blut und endlich Feierabend.

Danke den fleißigen Schreibern, die mir Mut machen, den Blog weiter zu schreiben. Macht es mir doch deutlich, dass es noch ein paar Leute gibt, die das tatsächlich lesen.

Mein Vater hat die Auszüge mittlerweile auf Rechtschreibung etc. korrigiert. So werde ich eines Tages alles in einem gebundenen Buch haben. Ach, darauf freue ich mich sehr. Danke Paps! Auch für Eure wirklich ergreifenden Zeilen zu meinem vorher gehenden Blogeintrag. Leider kann ich nicht mehr faxen, denn ich habe meinen Webzugang gekündigt. Aber Faxe empfangen kann ich immer noch.

Zur Zeit überschlagen sich die beruflichen Ereignisse und die Stimmung ist wieder auf Normallevel. Ich habe es gelernt, zu sagen, was ich denke und zu adressieren. So kann ich nun auch im englischen mehr und mehr für mich selbst einfordern. Das ist gut und hat mir lange gefehlt. So habe ich eine Situation lösen können, die mit Auslöser für meinen letzten Beitrag war. Ich bin dankbar, dass ich mich selbst disziplinieren kann, um meine Gedanken in eine annehmbare Sprache umzusetzen. Es dauert.

Die kommenden Wochen im Kalender sind ausgebucht. Im Moment laufen uns die Studenten und Mitarbeiter der Uni die "Bude" ein. Wir müssen aufpassen und auch nach außen Grenzen setzen. Immerhin ist dieser Service kostenlos und für alle anderen so selbstverständlich geworden, dass sie zunehmend Grenzen überschreiten. Wir müssen das besser kommunizieren . Unsere Rezeptionistin hat eine Menge an schlechtem Verhalten auszuhalten, wenn die Klienten nicht sofort einen Termin bekommen. Es ist wirklich unglaublich.

Ich habe gestern 10 Minuten vor meinem Feierabend eine Klientin gesprochen, die nicht in mein Büro kommen wollte, von ihrem Dozenten gebracht wurde, schlecht Englisch sprach und nicht zu hörte. So habe ich ihr verständlich gemacht, wie ungünstig es ist, vor allen rumstehenden oder rumsitzenden Personen im Warteraum ihre Situation anzuhören. Sie sprach weiter, als ob sie mich nicht hörte. Ich konnte sie aber auch nicht ziehen, so blieb ich stehen, um ihr zu zu hören. Dann erklärte ich ihr, was man tun kann und sie hörte mir nicht zu. Also bin ich etwas konsequenter geworden und habe sie aufgefordert, jetzt mir zu zu hören, nachdem ich selbiges getan habe. Meine Stimme ist wohl etwas lauter geworden. Es hat geholfen und nachdem sie begriffen hat, was ich ihr erklärte, war sie etwas beruhigter. Du meine Güte, diese Sorte von Klienten tritt mittlerweile einmal täglich in Erscheinung. Es ist beunruhigend.

Eine andere Klientin kam heute und offenbarte, dass sie ihren vierjährigen Sohn hasst. Ihre Wut ist so tief und sie ist verzweifelt. Und da saß ich, nicht wissend, wie es ist, ein Kind zu haben. Es war eine meiner besten Sessions.






Tuesday, April 22

Im Tief des Zweifels

Hier sind wir nun wieder vereint und froh, dass das so ist. Der Alltag reißt uns in die Tiefe und lähmt unsere Motivation, Arbeit Arbeit sein zu lassen.
Die Arbeit dominiert und erschöpft unsere Kraft, auch noch etwas anderes zu machen, als das. Es ist heute und es war gestern schwer, Energie zu entwickeln und vor die Tür zu gehen. Und ich ertappe mich dabei, dass ich sehnsüchtig nach Berlin schaue und gerne zurück würde in mein altes Nest, das so stabil war und uns wenig gerüttelt hat. Mal eben zum Nachbarn runter gehen, eine Flasche Wein zusammen trinken, über Gott und die Welt zu lästern, ohne Bedauern. Mal eben runter gehen und lachen, bis die Tränen kommen. Ungeplant und unverbindlich. Hier müssen wir immer fahren. Fahren, fahren, fahren. Um irgendwo etwas Spaß zu haben.
Der Kühlschrank gähnt. Vor Leere. Und somit ist auch der Spaß am Kochen heute nicht möglich. Es ist einer dieser Tage, die mir immer noch so viel Instabilität vermitteln. Auf Arbeit läuft es. Irgendwie. Es ist langweilig, ich stelle mein Können in Frage. Meine Zweitsprachfähigkeiten auch. Ich vermisse es mich auszudrücken, ohne dass es dämlich wirkt. Ich vermisse zu wissen, worüber ich rede. Ich vermisse zu lachen, wenn ich weiß worum es geht. Ich bin genervt davon, immer noch ein Außenseiter zu sein. Und ich weiß ich werde es ewig bleiben. Ich bin lahm geworden und lasse mich aus der Energie kicken, als wäre es nichts. Alles verraucht, so schnell, wie es gekommen ist. Gestern noch auf dem Baum, heute schon unter der Krone.
Ich frage mich, wie es wohl wäre, wieder in Berlin zu sein. Wäre es wirklich besser? Anders ganz sicher. Würde ich fröhlicher sein, hätte ich mehr Energie, und hätte ich mehr Lust, meine Freizeit zu packen und zu gestalten?
Ist es ein Tief, dass ein weiteres Hoch einleitet? Sicher, denn kontrastreicher können Tage nicht sein. Ich sehne mich jedoch nach Stabilität und ich sehne mich nach Vertrautheit. Ich sehne mich nach Gemeinsamen und ich sehne mich nach der frischen Frühlingsluft in Berlin.
Doch ich weiß, es kann nicht wieder werden, wie es war. Ich weiß, dass ich das nicht zurückbekomme, was ich hatte. Und ich weiß, egal was ich tue, es wird immer anders sein. Manchmal packe ich es am Schopfe und ignoriere meine Sorgen. Und manchmal, so wie heute, gelingt mir das nicht. Was bleibt?
Das frühe zu Bett gehen und wenigstens ein gutes Buch.
Morgen wird es wieder anders sein. Oder vielleicht erst Übermorgen?

Sunday, April 13

Entwicklungshilfe

Was in den letzten Wochen passiert ist, ist nicht mehr wirklich so spektakulär, um hier fest gehalten zu werden. Der Blog hat sich mehr in ein Tagebuch verwandelt, das etwas von unserem Alltag preisgibt. Ich hadere mit mir, ihn abzuschalten. Es ist die Zeit, die ich mir nicht mehr nehme, um regelmäßig aufzuschreiben, was so los ist in down under. Dennoch hält mich eine innere Sucht, weiter zu machen, weil ich selbst davon profitiere. Ich würde mein Erlebtes in keiner anderen Form mehr festhalten. Ich bin zu gewöhnt daran und freue mich, wenn ich in meinem Blog blättere und nachlesen kann, was denn vor einem Jahr gewesen ist.

Manchmal verspüre ich Lust, ein Buch zu schreiben mit allen Wunderlichkeiten Australiens, über die Kommunikationskultur untereinander hier, um die Lücke der Verantwortung, über den geringen Selbstwert, über das Prollverhalten, über Stillosigkeit, über schlechten Service, über die „Unendlichkeit“, über Kontrolle, und und.

Mein Tag ist gefüllt. Weiter mit so unterschiedlichen Klienten, weiter mit diversen unterschiedlichen Workshops und Vorträgen. Voll mit einigen Klienten, die regelmäßig einmal wöchentlich oder vierzehntägig kommen. Und nun endlich auch mit einigen Zeitblockern, die ich mir nehme, um Mediationen vorzubereiten bzw. Termine dafür anbieten zu können.

Ich habe gerade zwei Mediationsfälle zu begleiten. An der Rezeption ist es keine Frage mehr, wer das bei unserem Service macht, wenn Anfragen diesbezüglich rein kommen. Sie werden alle gleich an mich weiter geleitet. So bekomme ich mehr und mehr tiefe Einblicke in eine ungesunde Umgangskultur, die größtenteils nur Lösungen anbietet, die ein entweder oder beinhalten. Schwarz oder weiß. Halt durch oder geh. Viele Mitarbeiter sind überfordert und überwältigt von einer Hierarchie, die wenig Spielraum zulässt. Es ist ein durchgestyltes Mikromanagement, dass keinen Raum für Flexibilität anbietet sowie auch keinen Raum für Eigenverantwortung schafft. Und so halten sie tagtäglich durch, jeder auf seinem Posten, jeder in seiner Position, jeder in seiner Hierarchie. Die Aufteilung in akademisches und nicht akademisches Personal reizt meines Erachtens das Misstrauen bis aufs Äußerste.

Zwischen einem Team und einer Direktorin gibt es seit 6 Monaten einen Konflikt, der zu Beginn von Missverständnissen genährt war und nun zu einem aufgeblasenen stark eskalierten Grad zutage tritt. Tränen, Verletztheiten, Sprachlosigkeiten und Erwartungen. Misstrauen und Bandelaien wollen jeden Tag genährt werden. Die Business Managerin dieser Fakultät sucht Kontakt zu mir und erzählt von dieser festgefahrenen Situation. Sie sieht den Eskalationsmechanismus, sie trifft jeden Beteiligten und weiß, dass es nur noch ungesund ist. Sie ist relativ neu an der Fakultät und will, dass da was gemacht wird, um Mitarbeiter zu halten. Ich empfehle, dass sie den Kollegen dort anbieten kann, mit mir in Kontakt zu treten. Mittlerweile habe ich alle Beteiligten einzeln gesprochen und ein gutes Bild von dem, was da vor sich geht. Ohne eine dritte unparteiische Person gibt es tatsächlich nur noch ein entweder aushalten, krank werden oder kündigen. Der Konflikt spielt zwischen Hierarchien, was es schwerer macht, den beteiligten Personen schwer macht, Vertrauen in eine Mediation zu legen. Mein Angebot, das ich zur Vorgehensweise angeboten habe (führe ich hier nicht an) hat für mächtige Unruhe gesorgt. Angst beherrscht die Schlüsselpersonen, die sich nicht alleine in der Mediation begegnen wollen. Ein zusätzliches Krisengespräch mit einer Beteiligten und sechs Telefonaten mit ihr und der Direktorin sowie Emails etc. führten am Ende dazu, dass sie erstmal zusammen zu mir kommen. Es war Schwerstarbeit und ich habe das Gefühl, dass das erst der Anfang ist.

In einem anderen Konflikt handelt es sich um zwei Kolleginnen, die auf gleicher Ebene arbeiten, also ohne Hierarchien. Auch diese Beiden habe ich zunächst einzeln getroffen. Sie haben beide zur Mediation zugestimmt, ohne dass ich große Überzeugung leisten musste. Eine kleine Anekdote aus dem Konfliktpotenzial: Die eine Kollegin hält zu jeder Mittagszeit einen ein Stundenschlaf unter ihrem Schreibtisch. Eingekuschelt in ihre Decke erwartet sie Ruhe drum herum. Somit muss die Andere ruhig sein, den Raum verlassen oder still sein. Als ich das hörte, wusste ich nicht, ob ich entsetzt war oder einfach nur lachen wollte. Leider ist das nur ein kleiner Teil des großen Konflikts. Schade, es wäre zu einfach gewesen, hierzu eine Lösung zu verhandeln.

Ein Freund traf es auf den Punkt, als wir uns über dieses und andere Ansichten zum Thema Konfliktkultur etc. unterhielten. Wie sagte er so schön? "... na dann leistest Du ja Entwicklungshilfe." Zum Glück werde ich wenigstens dafür bezahlt.



Saturday, March 29

Entertainment

Ermuntert mal wieder was zu bloggen, berichte ich heute über alles, was die letzten Tage so her gegeben haben.

Ich schwanke zwischen unterschiedlichem Zeitempfinden. Manchmal denke ich, es ist nicht so lange her, dass ich bei meiner Familie war und dann denke ich wieder, es ist ewig her. Osterfotos von der traditionellen Reise meiner Liebsten daheim haben mich neidisch und wehmütig gemacht. Und dann frage ich mich doch häufig, wen es am meisten trifft. Mich, hier alleine, oder meine Familie, die sich wenigstens hat? Ein müßige Fragestellung, da ich weiß, es kommt immer auf das Auge des Betrachters an.

Mittlerweile habe ich so viel Arbeit, dass meine Wochenenden nicht mehr verschont bleiben. Ich ertappe mich dabei, wie ich es förmlich mit in Planungen einbinde und mich tröste, dass ich das, was ich nicht geschafft habe, ja zu Hause machen kann. Es wird auch wieder ein Danach dieser Hochphase geben.

Im Moment bereite ich diverse Workshops und Präsentationen zum Thema Konflikte und Co vor. Letzten Donnerstag habe ich den ersten Workshops begonnen, mit 21 Teilnehmern. Danach war ich völlig im Eimer, da ich alles gegeben habe. Das Gefühl und der Eindruck, dass es Spass macht und das es gut ist, sowie die Rückmeldungen (19 von 21 haben sehr gutes Feedback gegeben) gleichen die Erschöpfung wieder aus. Und spätestens jetzt weiß ich wieder, was ich kann und das es keinen Unterschied mehr macht, in welcher Sprache.

Mein jährliches Mitarbeitergespräch hat ebenfalls Donnerstag statt gefunden und war erfolgreich. Mein Chef hat signalisiert, dass er sich um eine Festanstellung (über den 31.12.) hinaus bemühen will. Ich glaube, er ist so froh, dass es wenigstens einen in diesem Service gibt, der die Arbeit mit Konflikten liebt. Rückblickend habe ich im letzten halben Jahr 371 Klienten in Sessions gehabt, nicht wenig. Auch das ein gutes Zeichen, dass meine hauptsächliche Arbeit gut gemacht wird.

Am Osterwochenende sind Studenten unserer Uni im Süden von Perth gewesen. Ein Student ist ums Leben gekommen, weil er von einer Kingswave (Königswelle) von den Felsen gepült wurde. Beide sind erfasst worden, doch einer konnte sich retten. Er musste mit ansehen, wie der andere irgendwann nicht mehr hoch kam und hören 'Sag meiner Mutter, dass ich sie liebe'. Die anderen Studenten haben von oben zu gesehen. Alles in einem ein critical incident, den wir im Nachgang an der Uni begleitet haben. Ein wirkliches Drama. Der Student war aus Canada und islamischer Herkunft. Seine Eltern wollten nicht glauben, was passiert ist, als sie angekommen sind. Denn der Körper ist bis heute noch nicht gefunden worden. Als unser Chef zum Briefing geladen hat und dem Namen des Studenten nannte, erkannte ich, dass dieser Student vor drei Wochen bei mir in der Sprechstunde war.

Thomas bereitet sich umfangreich auf seine Präsentation in Detroit vor. Dafür coache ich ihn täglich, damit er sicherer wird und seine Aufregung besser managed. Ganz wird sie nicht verschwinden. In zwei Wochen ist er unterwegs. Er fliegt von Sydney weiter (Start Samstag 9.00 morgens und ist Samstag 11.00 morgens in Amerika). Noch Fragen? Ich begreife das immer wieder nicht, wie das geht bzw. wissen wir es ja. Dennoch klingt es immer so unwirklich.

Thomas' Eltern sind fieberhaft in den Vorbereitungen ihres Besuchs im Oktober. Unsere Bemühungen liegen noch in den Kinderschuhen was unser Kommen anbelangt. Zeiträume, die wir uns ausgesucht haben, sind unbezahlbar. So werden wir wohl mitten im Off landen, aber das ist auch egal, Hauptsache wir kommen.

Saturday, March 22

A nice Easter

Ostern. Wir sind bald zwei Jahre hier und dies ist mein erstes Osterwochenende, das ich in Australien verbringe. Meine Familie verbringt diese Tage traditionell an der Ostsee. Ohne mich. Ohne uns. Es ist schwer auszuhalten. Die Momente sind schwach und das Hirn arbeitet in seiner Vorstellung, was sie tun, wie es ihnen geht und wo sie gerade sind. Die Bilder sind scharf und präsent.

Wir geben uns damit zufrieden, Zeit für uns zu haben, und Freunde zu treffen. Das ist auch schön, und kommt manchmal zu kurz. So bietet dieses lange Wochenende ausreichend Zeit auch dafür, über die australischen Wunderlichkeiten zu lästern. Wir sind nicht allein mit unseren Eindrücken, wie unterschiedlich es ist. Und im Moment ist unser Aggressionspotenzial schnell gezündet, wenn etwas passiert, was das Feuer so richtig zum Lodern bringt.

Ich habe zum Osterfrühstück auf Arbeit gefärbte Eier mit genommen. Alle waren zunächst neugierig, doch keiner hat eins probiert. Sie waren eher scharf darauf ihre "Hot cross buns" zu vertilgen und zu sehen, was ich dazu sage. Diese Sorglosigkeit, das sich nicht kümmern um andere Perspektiven, oder teil zu haben wird zunehmend nervend.

Zu Ostern erreichte mich Post von der Polizei, die mir 3 Punkte und 100 Dollar Strafe bescherte. Das ist das Ergebnis meines Unfalls, den ich im Oktober fabriziert habe, als meine Mutter und Schwester zu Besuch waren. Danke.

Ansonsten steigt Thomas Aufregung. In drei Wochen wird er auf dem Weg oder schon da sein. Nach Detroit. und einen Vortrag vor 250 Menschen halten. So bewegen wir uns immer noch zwischen An- und Entspannung. Unsere beruflichen Perspektiven sind vielseitig und anders als in Deutschland. Immer noch.

Doch wie lange uns das reicht und wie lange wir es aushalten können, immer mehr hinter die maroden Kulissen Australiens zu sehen, ist unklar.

Frohe Ostern.

Friday, March 7

Ein ganz normaler Freitag

Es ist 10 Minuten vor 6 morgens in der Früh. Das Handy schlägt Alarm, denn unser Wecker hat schon lange seinen Geist aufgegeben. Okay eingerechnet sind 10 Minuten Kuscheln. Dann aber raus den Federn oder besser gesagt, die leichte Decke beiseite heben. Meine Halsschmerzen und der Druck in den Ohren sind weniger geworden. Dank der Medikamente gibt es heute keine Ausrede für das früher Verlassen der Arbeit.

Beinah geräuschlos gelingt es mir, mich aus unserem Schlafgemach zu schleichen. Thomas hat noch 1,5 Stunden Zeit zum Kuscheln. Draußen geht wie jeden Tag die Bewässerungsanlage unsere Nachbarin an. Ein mittlerweile gewohntes Geräusch. Und auch heute sage ich mir wieder, dass ich ihr einen Zettel in den Briefkasten legen muss. Entweder checkt sie es nicht, oder sie kümmert sich nicht darum. Wir dürfen nur an zwei Tagen bewässern. Genau nur am Donnerstag und Sonntag. Heute ist Freitag!

Mein Weg geht schnurstracks ins Arbeitszimmer, den Laptop zum Erwachen bringen. Es können schließlich nicht alle so inaktiv im Haus sein. Ich brauche Gesellschaft, wenn sie auch tonlos ist. Immerhin. Nebenbei gehe ich in die Küche mache die Espressomaschine an, hole die Milch, Brot und Marmelade (Schwartau Erdbeere gestern gekauft) aus dem Kühlschrank. Wieder zurück ins Arbeitszimmer und den Button drücken, dass ich wirklich den Laptop anmachen möchte. Das nervt. Zurück. Toilette (ja, ja so genau werde ich nicht). Dann den Laptop nehmen und schon mal mit in die Küche damit. Mittlerweile ist die Espressomaschine bereit, alles zu geben. Ich schneide eine Scheibe Weizenbrot (herrlich frisch) ab und drücke auf den Kaffeeknopf. Die Maschine macht unglaublich laute Geräusche, als sie implodiert. Das Licht brennt nur hier. Sonst ist es noch überall dunkel. Ich schmiere mir mein Brot, schalte den Knopf an der EM an, um die Milch aufzuschäumen. Dann ist die Stulle fertig, der Knopf am Laptop zum Internet gepresst und die Milch geschäumt. Auf das Tablett gestellt.

Ich mache die Tür nach Draußen auf und stelle den Laptop auf den Terrassentisch. Das Frühstück hole ich nach. Kann schließlich nicht beides auf einmal tragen. Ich freue mich schon seit 5.50 auf meine erste Zigarette (ohne Kommentar) und nehme draußen Platz. Ich bin immer noch im Nachtkostüm, allerdings mit einer Kuscheljacke an. Es ist frisch am morgen. Zuerst rauche ich, nebenbei warte ich geduldig darauf, dass googlemail sich öffnet und hoffe, dass mein Postfach übervoll ist. Nur eine Mail von einer ehemaligen Kollegin. Ich kann den Anhang ihrer Mail nicht starten, denn ich habe ja keinen Ton. Spare ich mir für heute Abend. Will ja nicht, dass Thomas unliebsam aus seinem Schlaf gerissen wird. Es blitzt und tröpfelt.

Heute.de bringt Nachrichten, die anscheinend nur von der Überschrift täglich geändert werden, ansonsten aber immer den gleichen Kram berichten. Wie langweilig. Oh, schon 6.30. Alles wieder rein bringen. Duschen. Beim Duschen denke ich darüber nach, was ich anziehe. Zum Glück habe ich letztes Wochenende so viel gebügelt, dass ich das nicht auch noch machen muss. Und schon bin ich frisch gefönt. Gehe noch einmal unter die Dusche, weil ich nach dem Fönen schwitze, als ob ich 5 km gelaufen wäre. Nimmt man davon eigentlich auch ab?

Und dann geht das Licht aus. So ein Ärger, es ist noch zu schummrig fürs Auge. Ich probiere ein paar andere Schalter aus. Der Strom ist definitiv weg. Kurz überlege ich, raus zu gehen und in den Sicherungskasten zu schauen. Mein weiblicher Instinkt treibt mich dann doch eher zu Thomas und hofft auf Hilfe. Hier bekomme ich nur Bestätigung, dass das wohl überall so ist. Sollte doch mal nachsehen, ob die anderen Häuser auch dunkel sind. Das ist leicht gesagt, denn ich kann nur in ein Fenster nebenan schauen. Um zu checken, ob in der ganzen Gegend der Strom weg ist, müsste ich im Halbnacktgewand raus vor die Tür. Nun das mute ich mir nicht zu. Die Zeit. Und wieder einmal ist mein Handy die Rettung. Habe ich da doch so eine kleine Lampe drin. Ich funzele durch die Wohnung. Halte das Licht gegen den Spiegel, damit ich mich schminken kann. Ich wähle kurze Bluse und Jeans (hatte ich gestern auch schon an, aber egal, schließlich war Stromausfall), den Rollkragenpullover und eine Weste eingepackt. Nicht wundern! Ich stelle mich auf jeden Wetterfall ein. Den Schirm finde ich immer nur, wenn ich es draußen heißt ist.

Dann will ich ins Auto. Da kommt Thomas raus und sagt, dass das Tor nicht aufgehen wird. Ist ja Stromausfall. Für einen Moment hatte ich schon die Ausrede für mein Zuspät kommen auf Arbeit im Kopf. Und auch den Gedanken, einfach wieder ins Bett zu gehen. Aber wofür habe ich so einen wunderbaren Mann. Er macht das Tor auch ohne Strom auf. Nun aber fix. Es ist doch später geworden, als ich los wollte. 5 Minuten vor halb acht.

Draußen ist eigenartiges Licht. Scheinwerfer an, der Himmel sieht weiter gelb und die Luft stickig aus. Ungewöhnlich viele Autos auf der Straße. Beim ersten Regentropfen kriegen sie hier alle die Panik. So fahren wir brav zur Arbeit. Jeder in seinem eigenen Auto. Ach, da hat man so viel Platz. Muss nicht sprechen, muss keinen ätzenden Parfümgeruch ertragen, oder gar Mundgeruch vom Mitfahrer. Hat doch was. Meine Laune ist gut. Und so benehme ich mich außerordentlich freundlich. Will ich eine Fahrerin in meine Spur lassen, weil sie von der Linksabbiegerspur doch lieber geradeaus weiter will. Mein Tempo verlangsamend winke ich ganz langsam von rechts nach links, dass sie einbiegen kann. Bis sie das verstanden hat ist eine Minute vergangen. Wie blöd sind die hier eigentlich? Ach so schnell bin ich wieder beim Verallgemeinern. Weiter. Der Freeway ist voll gestopft, wir stottern langsam vor uns hin. Kurz vor der Campuseinfahrt versuche ich noch einmal, das Prozedere des rücksichtsvollen Einfädelns. Auch diese Dame brauchte 1 Minute bis sie verstand. Ich atme tief durch. Schließlich sage ich das so vielen Klienten, wen sie ihrer Wut Luft lassen sollen. Ich parke. Heute habe ich einen Superparkplatz. Ich steige aus, nehme meine Tasche und schwinge mir den Pullover um den Hals.

5 vor acht. Eigentlich will ich noch einen Kaffe auf den Weg ins Büro mitnehmen und schwenke im Kaffeehaus ein. Dort ist die Schlange zu lang. Weiter.

Ich weiß, ich bin wieder die erste. Mit dem pünktlichem Ankommen am Freitag im Büro ist es so eine Sache mit den Kollegen. Ich komme in unseren Eingangsbereich und mache erst einmal alle Lichter an. Zum Glück geht der Strom.

Die Behindertentoilette steht wieder wie immer sperrangelweit auf. Licht an. Kann man denn diese Tür nicht zumachen? Oder hat das auch was mit behindertenfreundlich zu tun, dass die Tür einladend den Blick auf das WC ohne Deckel frei gibt. Ich mache sie zu. Mir doch egal, es stört mich.

Ich schließe mein Büro auf, fahre Rechner hoch, logge mich ein. Und sehe mir meine Termine an. Wie schön, nur zwei Klienten gebucht. Am Nachmittag bin ich der Emergency counsellor. Da weiß man nie was kommt. Ich hoffe inständig, dass es ruhig bleibt. Ich habe mir auch heute wieder viel vorgenommen. Doch eins nach dem anderen.

Die ersten Kollegen trudeln ein. Da es in meinem Büro so aussieht, als wäre ich schon mindestens eine Stunde hier, habe ich mir schon die erste Pause verdient. Mein Geld schon in der Hand und will mir also einen Kaffee in der Bibliothek kaufen gehen, und ein paar Bücher ausleihen. Und da geht es schon los. Eine Kollegin möchte auch einen Kaffee. Nachdem ich versichert habe, ihr einen Kaffee mitzubringen, habe ich aber versäumt ihr zu sagen, dass ich erst in die Bibo will. Egal, sie wird es aushalten.

In der Bibliothek ist schon Betrieb. Es ist 10 Minuten nach acht. Ich logge mich dort in den Rechner, suche was ich will und gehe in die entsprechende Etage. Ich verbringe Minuten vor dem Regal nach einer Nummer suchend. Mein Blick geht hoch und runter, dann wieder nach links und rechts. Es ist ausgeliehen. Gestehe ich mir ein und greife zwei andere Bücher. Beim Ausleihen, packe ich meine Mitarbeiterkarte unter den Laser. Der ignoriert mich und ich puzzle meinen Büroschlüssel von der Karte ab. Noch einmal. Das nervt. Dann endlich geht es. Bücher unter den Laser und den Leihzettel ausgedruckt. Jetzt aber einen Kaffee. Ach ne, zwei. Die muss ich dann auf die Bücher stellen und hoffe inständig, nicht zu stolpern. Alles kommt heil an.

Vor meinem Rechner sitze ich zum tausendsten Mal an meinen Präsentationen und Ausarbeitungen für diverse Konfliktworkshops. Mein Emailpostfach quillt über, anders als das zuhause! Es wird 9.00. Die erste Klientin kommt nicht, was ich nach 20 Minuten dann auch sehe, als ich meinen Kalender gecheckt habe. Die Rezeption hat das wortlos notiert. Aha, diese Klientin hat heute Labor. Als ob sie das gestern nicht schon wusste. Okay. Ich gewinne Zeit, um zu arbeiten und zu plauschen.

11.00. Nun diesem Klienten habe ich schon nicht geglaubt, als er sagte, er würde ganz bestimmt wieder kommen, dass er wieder kommt. Er hatte schließlich einen Brief bekommen, den er brauchte. Das ist drei Wochen her. Auch gut. Also schon zwei DNA heute (did not arrived/nicht erschienen).

Um halb 12 gehe ich rum und frage, ob es außer mir noch jemanden gibt, der einen Falafel will. Ich werde fündig und wir verspeisen diesen herrlichen Falafel zwischen 12 und 1 in lustiger Runde. Wir verklickern unserer Rezeptionistin, dass sie heute nicht so freundlich sein soll. Vielleicht kommt dann keiner mehr.

Denkste. Ich sitze 20 Minuten nach Lunch wieder in meinem Büro. Habe mittlerweile die blöde Klimaanlage in meinem Büro zu geklebt. Und dann werde ich auch noch "belästigt". Na gut, ist ja mein Job und Krisen kann ja keiner planen. Ich verstehe den Klienten schlecht, er ist aus Simbabwe und hat seinen 3jährigen Sohn am Dienstag verloren. Harter Tobak und ich entscheide, ihn zum Roster counsellor zu schicken. Der hat keine Lust und sagt ich soll weiter machen. Er würde dann den nächsten draußen wartenden Klienten nehmen. Okay, gesagt, getan.

Um 15 Uhr ist diese Sprechstunde beendet. Eine Kollegin bittet uns alle um ein Gespräch, denn sie hatte heute einen echten Psycho. Wir beraten. Ich sitze auf dem Fußboden im Büro des Kollegen, ärgere mich, wie schnell sie diagnostizieren und dann rüttelt die Sekretärin an der Tür. Wir realisieren, dass wir uns für dieses Meeting nicht abgemeldet haben und blicken schuldbewusst in ihre Augen. Sie sagt, draußen wäre eine vollkommen aufgelöste Studentin (es ist halb 4!). Ob noch mal jemand kommen kann. Ich überlege nicht lange. Habe meinen Senf zur Beratung schon abgegeben und leiste erste Hilfe.

Um 4.15 schreibe ich die Notizen über die Klientin, und packe meine Sachen zusammen. In einer Viertelstunde geht es ins Wochenende. Und ich realisiere, dass ich diesmal wieder was mitnehmen muss und zuhause arbeite. Doch nicht alles geschafft.

Auf dem Weg nach Hause im Auto überlege ich schon, ob ich noch was zu essen kaufen soll und entscheide "ja". Nachdem ich das dann getan und das Auto schon beladen habe, überkommt mich der Gedanke noch einmal zurück zu gehen und einen Wein zu kaufen. Wäre ja blöd, auf dem Trocknen zu sitzen, nur weil ich zu faul war, noch einmal zurück zu gehen.

So steure ich auf meinen Feierabend zu und blicke gespannt auf das fernsteuerbare Garagentor, ob es sich öffnet.
Es tut sich was und heißt mich willkommen zuhause.

Ganz schön autistisch!


Thursday, February 28

Traditionen

Klientin, 19 Jahre alt, aus Indonesien, ihre Mutter lebt dort, ihr Vater hier mit ihr, sie ist das einzige Kind. Vor einem Jahr hat sie ihre beste Freundin und einzige Vertraute verloren. Sie ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, nachdem diese eine Woche in Amerika angekommen war. Die Klientin verkraftet den Schmerz nicht. Sie will sich das Leben nehmen und hat dafür denn 22. eines Monats ausgesucht. Dieser Tag soll es sein. Und sie weiß genau wie - Tablettenüberdosis, oder vom Hochhaus springen. Sexuell mißbraucht, als sie 11 Jahre war bis sie nach Australien gekommen ist. Da war sie 18! Kann man ihr verübeln, gehen zu wollen?
Ihre Mutter verlangte, dass sie nicht weinen sollte, als ihre Freundin gestorben ist. Denn in asiatischer Kultur glaubt man daran, dass 3 Tage Trauer reichen. Wenn man das länger betreibt, hält es den Geist des Verstorbenen fest und lässt ihn nicht gehen. Doch laut diesem Glaubens muss man aufhören, zu trauern, um den Geist frei zu geben und ihn gehen lassen, damit er sich einen neuen Weg suchen kann.

Friday, February 22

Touch wood

Wochenende - Es ist Freitag Abend, bereits dunkel hier in Perth, der Wind nimmt sich zur Nacht immer mehr auf und sorgt dafür, dass wir beim Schlaf vom Rütteln der Türen gestört werden. 15 Grad am morgen, die es noch bis ca. 30 Grad am Tag schaffen. Wohl nicht mehr lange und wir können die Kerzen anzünden.

Eine Woche Arbeitsalltag weg gesteckt, als ob es nichts wäre und doch so müde am Ende dieser Tage, so kurz vor dem Wochenende. Gerade haben wir mit der Heimat geskypt und fest gestellt, dass wir vor einer Woche noch Thomas' Bruder und Familie bei uns hatten. Es kommt mir vor, als ob das schon viel länger her ist.

Mein Terminkalender an der Uni füllt sich und sorgt dafür, dass mir keine Langeweile aufkommt. Interessante Fälle tun sich auf und fordern mich, in Welten einzutauchen, von denen ich vorher noch nie etwas gehört habe.

Klientin, aus Afghanistan stammend, 36 Jahre alt, an der Uni studierend, heiratete im letzten Jahr. Noch nie im ihrem Leben zuvor sexuellen Kontakt gehabt, wird sie förmlich in die Welt der Sexualität zwischen zwei Liebenden gestoßen. Sie hat keine Vorstellung wie das ist, hört nur von anderen, dass es beim ersten Mal weh tut. Sie steigert sich hinein und hat in 10 Monaten Ehe 10x mit ihrem Mann geschlafen. Es tut weh, wenn sie es tut. Und es ist mittlerweile klar, dass die Psyche ihr einen Streich spielt, dessen Ausgang nicht absehbar ist. Sie hat einen Vaginismus. Du meine Güte, ich lerne nie aus. Interessant, wie sie gestern beschrieb, was sie denkt. Ihr Mann hat ihr Leben gestört, ihre Unizeit zur Unendichkeit forciert. Sie bedauert geheiratet zu haben und nimmt nun an, bei weiterer Interpretation des Schmerzes, den sie tatsächlich hat, ihn bestrafen zu wollen. Sich selbst auch, aber so weit ist sie noch nicht. Und eine nicht gerade Unbekannte spielt eine Rolle dabei. Die Kontrolle ... Nachdem ich also den physischen Prozess erklären musste, natürlich erst nach vielen Gesprächen mit Kollegen etc., beginnt die eigentliche Knochenarbeit. Aufbrechen, was sich weigert, loszulassen oder zu akzeptieren, dass ihr Weg ein anderer ist.

Vor vielen Jahren drogensüchtig, den Absprung geschafft, treffe ich auf eine junge Klientin, deren Mutter schizophren ist. Nach zuspitzendem Verhalten der Mutter, irrationalem Verhalten und Äußern der verwirrten Gedanken bis hin zum täglich nächtlichen Möbelrücken, weist die Tochter (meine Klientin) in die Geschlossene ein. Nun ist sie zum einen voller schlechtem Gewissen, steht unter Druck, weil die ganze Familie incl. Stiefvater sie mit Fragen und Anforderungen belasten und macht sich Sorgen, selbst so etwas mal zu bekommen. Wie kann sie damit umgehen?

Eine 38 jährige Psychologistudentin, Mutter eines einjährigen Mädchens, lebend mit ihrem Partner und als Graphikdesignerin arbeitend, ist willens, das zu ändern. Wo sind die Lücken? Aus einfachen banalen Oberflächkeiten, die schnell lösbar sind, tut sich plötzlich eine Vergangenheit und Gegenwart auf, die Ursache ihres Befindens ist. Es geht nicht um Zeitmanagement, es geht um Anerkennung, Grenzsetzung, Wettkampf und Konkurrenz in der Familie. Das hat nichts mehr mit einfachen verhaltenstherapeutischen Maßnahmen zu tun.

Eine Klientin, von der ich bereits berichtet habe, kam wieder und ist voller Hoffnung, dass nun mit ihrem Partner alles anders wird. Sie hat sich wieder an der Uni eingeschrieben und weiß noch gar nicht, was da alles auf sie zukommt. Ich unterstützte sie darin, den Moment zu genießen und erarbeite mit ihr, wie sie für sich selbst sorgen kann.

Eine Unimitarbeiterin, die mit ihrer neuen Chefin immer mehr ins Straucheln gerät, reflektiert, dass sie Auseinandersetzungen vermeidet und fühlt sich zunehmend belasted. Sie ist fleißig in der Therapie und so voller Willen, ihre Ressourcen zu entdecken.

Die Managerin, die zur Vormediation bei mir war, hat ihre Teilnahme an der Mediation abgesagt. Sie will keine Schwäche zeigen und sieht es sowieso nicht als eine ihrer Aufgaben an, mitarbeiterorientiert zu leiten. Schade.

Die Konfliktbeauftragte der Uni, eine Rechtsanwältin, holt mich ins Boot, um diese vielen Manager und Professoren zu schulen, wie man mit Konflikten umgeht. Auf einmal tut sich ein Megaprojekt auf, worüber ich mich freue. Mein Chef gab mir eine High five (gib mir fünf auf die Hand), als er hörte, was schon auf den Weg gebracht wurde. Ich habe grünes Licht, Zeit zu investieren. Juhu, so habe ich auch durchgesetzt, monatliche Konfliktberatungen für diese Manager durchzuführen. Ein Ausgleich dafür, dass ich meine Kurse in Berlin für dieses Jahr absagen musste.

Wednesday, February 20

Kontakt

Nach einem entspannten Wochenende im Süden von Perth in der Magaret River Region sind wir am Montag wieder im warmen Perth eingetroffen. Es war eine gute Ablenkung nach wieder einmal einem traurigen Abschied von Thomas' Bruder und seiner Familie. Wir werden es nie lernen. ich werde es nicht lernen, einen Abschied ohne Tränen und Schmerz durchzustehen.

Das klassische Konzert auf dem Weingut Leeuwin war etwas enttäuschend. Denn es sangen zwei Opernstars den ganzen Abend, es drifte ab zu einer Entertainmentshow gemacht für die Älteren unter uns. Wir haben über uns gehen lassen, den Sternenhimmel beobachtet, guten Wein getrunken und beobachtet. Dieses Event wird nur einmal im Jahr dort gemacht. Es hat eine ganz besondere Atmosphäre und ähnelt der Berliner Waldbühne sehr. Nur etwas kleiner. das nächste Mal werden wir mehr darauf schauen, was Inhalt des Abends ist. Es ist eben nicht immer drin, was drauf steht.

So hat uns die Abwechslung gut getan und mittlerweile sind wir wieder mitten im Alltag. Mit einigen Überraschungen. Montag lag die Urkunde vom Board of Psychologists im Briefkasten, um mir nun zu bestätigen, dass ich meinen Spezialtitel als clinical psychologist tragen darf. Welch Freude durchströmte meinen Körper. Wieder eine so wichtige Hürde genommen. Auf Arbeit geht es sich gut, viele interessante Konfliktprojekte an der Uni stehen an, an denen ich mitarbeiten kann. Auch das freut mich und sorgt für Abwechslung im täglichen therapeutischen Alltag.

Heute durfte ich einer Buchlesung einer Aborigine beiwohnen, die ihre Lebensgeschichte veröffentlicht hat. Eine Geschichte, ihre eigene, über die Erfahrung als eine von vielen zu der stolen generation zugehörend. Sie signierte mir das Buch mit herzlichen Worten und drückte mich danach. Endlich komme ich dem näher, wonach ich schon lange Ausschau gehalten habe. Ermutigt bin ich dann zur Professorin und Leiterin der Aborigines Studies der Uni gegangen und habe um ein Gespräch gebeten. Natürlich nicht heute, aber die kommenden Tage. Sie gab mir ein Handbuch für Psychologen, die mit Aborgines zusammen arbeiten. Einfach so. Geschenkt. Ich sehe unserem Treffen entgegen und will mich vorbereiten, so viele Fragen habe ich. Vor allem Fragen zu deren Konfliktkultur. Spannend.


Tuesday, February 12

The big day

Zum ersten mal in der Geschichte Australiens entschuldigt sich eine Regierung bei den Aborigines. Ich dachte, dass das lediglich ein Ritual beim Regierungswechsel ist. Das stimmt aber nicht. Um so aufgeregter sind viele Beteiligte, wie, was und in welcher Form diese Entschuldigung formuliert werden soll und wie sie morgen aufgenommen wird.

Morgen, Mittwoch, ist der Tag, an dem Kevin Rudd diese Rede haelt und sich entschuldigt fuer die stolen generation.
In einer Tageszeitung habe ich gestern gelesen, dass 40% der Westaustralier diese Entschuldigung nicht unterstuetzen. Leider war dem Artikel nicht zu entnehmen, warum.

Es existieren viele Reaktionen entlang dieser Entschuldigung (uebersetzt von GetUp, Action for Australia) Beispielsweise:
Der Australier ist nicht verantwortlich und sollte sich nicht schuldig fuehlen.
Das mit der stolen generation gehoert der Vergangenheit an (eines der staerksten Argumente gegen die oeffentliche Entschuldigung).
Die Beteiligten dieser dachten damals, dass sie das Richtige tun.
Eine Entschuldigung macht Vergangenes nicht ungeschehen.
Das wird uns ein Vermoegen kosten.

Die Entschuldigung ist eine zentrale Empfehlung des Bringing Them Home (Bringe sie nach Hause) Berichts von 1997.

Saturday, February 9

The Price of Life

Ich hatte so einen Moment, als ich das erste mal 100 Dollar für eine Tankfüllung bezahlt habe. Ich fahre eine Limousine mit einem normalen Tank. So bin ich erschrocken. Okay vielleicht würde ein durstiger V8, 4rad angetrieben soviel kosten für diejenigen aus WA, die am Wochenende mal eben nach Dunsborough oder Eagle bay fahren, um sich zu erholen. Aber ein einfaches Stadtauto, dass 100 Dollar Sprit kostet?
Ich will gar nicht erwähnen, was das alles 30 Jahre früher kostete, aber es erinnert mich dennoch an die Zeit, als ich noch ein Fahranfänger war und mir der Gedanke niemals kam, dass ich wohl eines Tages 100 Dollar für den Sprit bezahlen muss. Wahrscheinlich hat nie jemand daran gedacht, dass das passiert.
1972 hatte ich einen grünen VW (Baujahr 66), der mich 750 Dollar gekostet hat, als ich ihn (oder besser meine Mutter) erstanden habe. Zu dieser Zeit habe ich 2 Dollar an der BP bezahlt, 11 cent pro Liter. Und nebenbei gesagt, hat dann noch jemand von der Tanke den Wagen aufgefüllt.
Mit diesem Wagen bin ich zum Pub gefahren, um dort 50 cent für einen Bierkrug zu bezahlen (verglichen mit dem heutigen Preis, 15 Dollar, die ich bezahlen musste, als ich einem Testmatch zugesehen habe). Und ich habe früher 40 cent für eine Zigarettenschachtel bezahlt. Vielleicht ist es ungerecht, auch nur den heutigen Preis von Zigaretten zu erwähnen.
Genauso stellt es sich mit Immobilien dar. Ich höre noch, wie ein Kollege von mir vor 10 Jahren erzählte, das er sich ein 1 Millionen Haus gekauft hat. Ich war total beeindruckt. Normale Familien hatten kein Haus mit sieben Räumen. Das hatte man nur in Zeitungen gelesen. Solche Häsuer waren was für Schauspieler, oder Großindustrielle, oder?
Heutzutage hebt man nur lässig die Augenbraue, wenn man hört, dass ein Haus 1 Million kostet. Es ist lange nicht mehr ein Palast, es ist einfach ein Haus in guter Lage. So ist es eben. Eines der Dinge, denen wir gegenüber immun werden bzw. geworden sind.
Also was passiert hier? Wir wissen alle über Zigaretten und Bier Bescheid - es hat was mit den Steuern zu tun. Aber Benzin?
Nein, ich bin kein konspirativer Theoretiker. Ich bin auch ziemlich gut im Verstehen der Inflation, Technologien und des Mangels. Aber diese Preissteigerung beim Benzin lässt mich überlegen, es hat nicht nur was mit dem Einbahn-Verkehr zu tun da draußen. Da sind auch noch andere Dinge, die heute weniger kosten als früher.
Mein erster Farbfernseher hat viel mehr als mein jetziger gekostet. Das Gleiche gilt für meinen DVD Player. Mein erstes Handy war außerordentlich teuerer, als das was ich jetzt habe.
Der Laptop, den ich 5 Jahre zuvor benutzt habe, kostete das Doppelte von meinem aktuellen Laptop. Gleiches gilt für den iPod.
Letzte Woche habe ich mal bei einem Gebrauchtwagenhändler reingeschaut und mir fiel sofort der grüne Volkswagen (66iger Baujahr) ins Auge. Der Gleiche, den ich mal hatte. Es war offensichtlich etwas aufgepeppt entsprechend den heutigen Erfordernissen, and die Kosten, es zu betanken würden den Kaufpreis nach ein paar Monaten weit überholen. Aber es war exakt der gleiche Wagen, und mit dem Preis von 750 Dollar, der gleiche Preis wie in 1972.
Ökonomie und Logik mal beiseite nehmend, ich kann mir nicht helfen, aber irgendetwas läuft schief.

heute im Magazin der Sunday Times gelesen


Friday, February 8

Öffentliche Entschuldigung

The stolen Generation - gestohlene Generation ist immer mal wieder Thema, wenn es um Fragen der indigen Bewohner Australiens geht. Es meint eine Zeit von ca. 60 Jahren im 20. Jahrhundert, in denen die Kinder von Aborigines einfach von zuhause abgeholt wurden und bei weißen Familien unter gebracht. Ohne ein Recht auf Erziehung und Entscheidung der natürlichen Eltern, sind ganze Familien auseinander gerissen worden. Australien hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, doch war es zu dieser Zeit überzeugt, genau das Richtige zu tun.

Seit einiger Zeit hat Australien eine neue Regierung. Und es ist Tradition, zu Beginn der neuen Amtszeit eine öffentliche Entschuldigung auszusprechen. Sie tun sich schwer damit. Die Presse ist täglich voll vom aktuellen Stand des entsprechenden Entwurfes zur öffentlichen Rede. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie diese am Ende lauten wird. Der öffentliche Erwartungsdruck ist hoch, geforderte finanzielle Mittel zur Wiedergutmachung sind abgelehnt worden.

Gestern erreichte mich eine email auf Arbeit mit einem offiziellen Schreiben der Curtin Universität, meinem Arbeitgeber. Es ist ihnen gelungen in einem einseitigen Schreiben einen Beitrag zur Entschuldigung zu leisten und sich zu verpflichten, bisherige Projekte indigene Studenten zu integrieren, weiter zu führen. Damit hat die erste Universität Australiens ein Papier geliefert, das schwarz auf weiß Verantwortungsbewusstein zeigt. Eine Kollegin von mir arbeitet in dem Gremium mit, das dieses Statement erarbeitet hat. Sie war wirklich sehr stolz.

In einem Teil meiner Gedanken regt sich der Eindruck, dass es nur die Absicht war, schneller als alle anderen Unis zu sein. Und nicht die Überzeugung der eigentlich Botschaft. Das ist selbstverständlich eine bittere und, vielleicht, auch ungerechtfertigte Meinung. Es ist schwer, kontinuierlicher im Gespräch mit Australiern darüber zu sein. Das Thema ist präsent, aufgrund der demnächst folgenden öffentlichen Entschuldigung.

Wie lange wird es dauern, bis so etwas nicht mehr einer öffentlichen Entschuldigung bedarf? Wie lange wird es dauern, bis man es nicht erzwingen muss, sondern eine im Alltag verankerte Einstellung bei allen Australiern? Wie lange wird des brauchen, bis Gespräche über das "Oh, nein wechsle lieber die Straßenseite" hinaus gehen? Wie lange wird es dauern, bis die jüngeren Generationen kein schlechtes Gewissen mehr haben müssen, denn sie haben nichts zu entschuldigen. Oder doch?

Heute Abend wird das Perth Festival eröffnet. Die hier ansässigen Aborigines rufen auf zu Gemeinsamkeit und friedlichem Miteinander. Sie werden in der Minderheit vor der Mehrheit stehen, und sie hoffen immer noch auf ein Gutes. Im letzten Jahr waren wir dabei und mussten mit erleben, wie einige im Publikum lachten, und weniger ernst waren. Peter und der Wolf wurde damals im Anschluss gespielt. Nichts, was mit der einheimischen Kultur zu tun hat. Heute Abend soll ein Baum (Black boy tree) angezündet werden, ganz so wie in der Tradition der Aborigines, um ihn zum blühen zu bringen. Ein Zauber wird uns erreichen, der so schnell wieder vorbei ist, wie er gekommen ist. Übrig wird eine Erinnerung eines fantastischen Abends sein, bei dem auf dem Swan River französische Künstler ihr Können zum Besten gegeben haben.

Ich lasse mich überraschen.

Saturday, January 19

Stimmen sie noch?

Weit ab vom Geschehen der Welt genießen wir Bach, Haydn, Strauss und Co. Es hat Wohnzimmercharakter. Sie geigen und geigen. In der ersten Hälfte hat es den Anschein, dass sie niemals wieder aufhören wollen, so gleichsam spielten sie sich ein. Der Dirigent in blauer Jeans, in einem zu engem Frack und zu vollen Hosentaschen mit überladendendem Bauch gibt sich alle Mühe.

Die Frage kommt auf, warum ein Orchester überhaupt einen Dirigenten braucht? Die Violin Solisten spielen auf, wobei der eine seinen weißen Schwitzlappen lässig an der Violine kleben lässt, wenn sie beklatscht werden. Und sowieso aussieht, als ob er aufgrund von Fettleibigkeit gleich einen Herzanfall bekommt. Seine Hosen sehen aus, als ob sie bereits drei Tage getragen sind. Am rechten äußeren Rande sitzen zwei Musikerinnen, die sehr ernsthaft ihren Beitrag leisten. Ein Lächeln ist ihnen nicht zu entlocken. Sie wirken steif und ohne Freude bei der Sache.

Das Publikum ist alt, 80% älter als 60 Jahre. Eine Reihe vor uns sitzen Mama und Papa. Papa nickt ein und rollt ab und an den Kopf so komisch. Beim Aufrollen des Kopfes öffnen sich schnell die Augen. "Spielen die immer noch?" Ich muss schmunzeln und die Augen schließen, ansonsten würde ich losprusten vor Lachen. Meine Schwester von rechts fragt dann auch noch, ob ein Paukenschläger wohl auch so viel Gage bekommt, wie die anderen. Schließlich hat der ja nicht so viel zu tun.

Pause.

In der Reihe hinter uns unterhalten sich zwei Damen, die schon ganz verwirrt sind, weil die Programmabfolge der Stücke vertauscht wurde. Sie als Bachexperten hätten ja schon lange gemerkt, dass da was nicht stimmt. Peinlich, ich hab das nicht bemerkt.

Der Dirigent erscheint und spricht zum Publikum und wird damit sympathisch. Er spricht seine blaue Hose an und sorgt dafür, dass wir alle wissen, was gespielt wird und wann wir zu klatschen haben und wann nicht. Sind wir hier bei Loriot? Und dann macht er tatsächlich peinliche Ratespiele mit uns und fordert alle auf zu klatschen, wenn sie das Stück erkannt haben. Zum Glück drehte er sich nicht auch noch um und fragte, um welchen Komponisten es sich denn handelte. Glück gehabt. Und dann legen sie richtig los. Spielen energisch und fesselnd. Alte Köpfe wackeln hin und her. Walzertackte auf der kleinen Bühne des Güstrower Theater. Und zum guten Schluss der Radetzki Marsch. Jetzt ist auch der letzte in der hintersten Reihe aufgewacht.

Die Akustik hat was von Wohnzimmeratmosphäre, wobei die alle nicht in mein Wohnzimmer gepasst hätten. Selbst das Theater war zu klein, so dass der Männerchor zuhause bleiben durfte und das Programm umgestellt wurde.

Zum Stimmen sind sie nicht gekommen, und wir nicht zum zählen. Ein herrlicher Abend so weit ab von allem und so nah bei uns.

Friday, January 18

Die Kata

Heute vor einer Woche war ich bereits von Hamburg nach Güstrow unterwegs. Ich freue mich, hier zu sein, ohne Hektik und Verpflichtungen. Keine Arbeit, keine weiten Fahrten. Nur Familie und ein paar Freunde.

Die Zeit ist ausgefüllt und lässt viel Raum für Beobachtungen und Neuentdeckungen. Und auf einmal gefällt mir Güstrow wie nie zuvor.

Wenn da nicht immer wieder engstirniges typisch deutsches Verhalten meine Eindrücke trüben würden. In der Apotheke fragte ich beispielsweise nach bestimmten Ohrentropfen (wenn man Wasser im Ohr hat), die ich bereits in Australien gekauft und an mir ausprobiert habe. Hier bekomme ich einen Blick von oben, ich sehe geradezu wie die Dame hinter dem Schalter wächst und mir zu verstehen gibt, dass es so etwas nicht geben kann. Ohne ein weiteres Interesse, ohne ein weiteres Bemühen, um welches Zaubermittel es sich handeln könnte. Ohne die Suche oder das Angebot von Alternativen. Fertig waren wir und ich hatte eigentlich nichts anderes erwartet (dieses Verhalten hat nichts mit Güstrow zu tun, sondern mit einem generellen Benehmen im Servicebereich). Und ich kam mir sofort klein und dumm vor. So als ob ich gerade einem Harry Potter Buch entstiegen bin und unter einem Realitätsverlust leide. Ich habe noch einige Beispiele dieser Art, verzichte aber auf die weitere Beweisführung meiner Wertung.

Fairerweise habe ich dafür eine Begegnung mit einer Ärztin gehabt, die in mir ein vertrautes Gefühl weckte. Bewusst suche ich hier einen Facharzt auf, zu dem ich nur über das Halb tot sein in Australien vorgelassen werden würde (so jedenfalls mein aktueller Kenntnisstand). Und ich werde behandelt wie ein Star hier. Behutsam, umfangreich, zuverlässig und kompetent. Nun ja. Ich bin aber auch Privatzahler. Ganz sicher ist das eine andere Perspektive. Als Kassenpatient hätte ich vielleicht nicht so einen Check up bekommen.

Ansonsten urlaube ich und entspanne. Gestern fand ich mich auf einmal in einer Turnhalle wieder, die mitten auf einem Feld steht und im Dunkeln wirklich nur zu finden ist, wenn die Scheinwerfer des Autos groß genug sind. Es ist Karatekurs für Anfänger. Was ich dort tue? Ich sehe meiner Nichte zu, wie sie sich bemüht, diverse Koordinationen mit Armen und Beinen durchzuführen. Ich verstehe es nicht mal beim hinsehen und mein Selbstversuch scheitert bereits in meinen Gedanken. Als ich frage, ob ich zusehen darf, erhielt ich folgende Antwort: "Mitmachen ist die Divise. Schließlich ist man ja auch nicht nur halb schwanger." He? Ich denke, was ich mir da wieder eingebrockt habe und setze mich nach dem Ausziehen meiner Schuhe auf die Bank und rühre mich nicht mehr. Hoffend, dass ich nicht noch einmal aufgefordert werde, mich einzureihen und "Go" mitzuschreien. Ich habe Glück gehabt. Ich durfte sitzen bleiben und hatte auch so meinen Spaß.

Tuesday, January 8

Back home

Noch ganze drei Wochen bleiben, um mich zu erholen und mir Gutes zu tun. Thomas ist mittlerweile den zweiten Tag arbeiten und schwitzt schon beim Aufstehen. Der Sommer hat die Hitze nicht mehr im Griff. Und der Wind aus dem Westen kämpft gegen den aus dem Osten. Der Ostwind ist ziemlich warm und bläst wie ein Fön. Es ist ungeheuer lähmend und damit eine Herausforderung, das Haus kühl zu halten.

Unseren Urlaub auf Tasmanien haben wir sehr präsent. Im Moment erzählen wir täglich darüber, weil wir einiges an Mails bekommen, oder hier Freunde sehen, die ganz genau wissen wollen, wie es dort ist. Das hält die Erholung auf Trapp und wirft mich auf Gefühle zurück, die ich dort gehabt habe. Erstmalig habe ich so starkes Heimweh gespürt, weil mir alles so vertraut war. Ich habe sicher schon darüber geschrieben. Es war so intensiv, dass meine Träume beinahe jede Nacht von meinem Zuhause bestückt waren und in der Erinnerung ebenfalls sehr präsent sind.

So fliege ich also übermorgen nach Hause, um mein Bedürfnis nach meinem Familiennest zu befriedigen. Die Rückkehr von Tasmanien nach Perth war von Gedanken begleitet, wieso haben wir eigentlich Perth gewählt? Es gibt so viele interessantere Plätze auf der Welt. Hobart, beispielswiese; ist so viel lebendiger als Perth. Reicht die Lage von Perth am Indischen Ozean aus, um sich wohl zu fühlen? Und wo wird es hin gehen, wenn wir von Perth genug haben? Viele Fragen, ohne Antworten.

Zurück in Perth habe ich mich schneller wieder an mein Hierzuhause gewöhnt. Doch, es ist schön hier. Und ja, das Meer sorgt für Urlaubsstimmung, auch wenn der Alltag wieder präsent wird. Am letzten Wochenende haben wir eine Menge Spaß im Wasser gehabt. Und alle meine zweifelnden Gedanken über Perth waren verstrichen. Im Haus fühle ich mich wohl. Es ist wirklich schön. Doch immer ist dieser Gedanke, wie lange wir hier wohnen dürfen. Wird es bald eine Mieterhöhung geben? Und wenn ja, wieviel bereit sind wir zu zahlen? Oder müssen wir gar wieder Mitte des Jahres ausziehen? Ich mag daran nicht denken, dennoch rutscht es gerade immer mal in mein Bewusstsein.

Das Heimwehgefühl ist weniger geworden, als wir wieder hier waren. Für mich hat es auch damit zu tun, wie einfach es von hier aus, mit meiner Heimat im Kontakt zu sein. Das war in Tasmanien weniger möglich und hat ganz sicher Gefühle wie diese unterstützt.

Jetzt freue ich mich, wieder ein paar Tage in Deutschland zu sein. Am Freitag schon bin ich da und gespannt, wie es sich anfühlt. Damit bin ich erstmalig ein ganzes halbes Jahr von Deutschland weg gewesen. Viel länger kann ich es auch gar nicht aushalten.

Dennoch frage ich mich, ist der richtige Zeitpunkt? Einige meiner Liebsten haben runde Geburtstage, unser traditionelles Ostern, Weihnachten etc. Sollte ich nicht lieber warten, wenigstens bei einem dieser Ereignisse dabei zu sein? Ja, Weihnachten steht dieses Jahr für Familie in Deutschland. Das ist ziemlich klar und darauf freue ich mich. Doch, wenn ich jetzt fliege, sind es 11 Monate bis zu meiner Rückkehr. Im schlechtesten Fall. Ich beruhige mich damit, dass ich meine Sehnsüchte nicht planen kann und sie unabhängig bleiben müssen, von Geburtstagen und Ähnlichem. Manchmal schlüpft ein Gedanke hervor. Ist es zu egoistisch zu fahren, wenn mir so ist. Und dann nicht fliegen zu können, wenn es einen Anlass gibt? Es ist ein müßige Frage und kommt darauf, wann ich sie mir stelle.

Hin- und Hergerissenheit sind neue Begleiter meines Lebens. Und das Aushalten von Durststrecken ohne Wasser auch. Bis kurz vor der Vertrockung. Und dann muss ich eben egoistisch sein und trinken. Soweit ist es jetzt. Ich habe Durst und habe mir ein teures Wässerchen gekauft. Und ich weiß, wie köstlich es schmecken wird, wenn ich es trinken kann.

Sunday, January 6

General exam

Ein Anruf beim Zahnarzt zu einem Check Termin. Am Ende sagte uns die Rezeption, dass wir nun 450 Dollar zahlen müssen. Wir dachten, wir hören nicht richtig. Nur das Röntgen und das bloße Untersuchen der Zähne. Yep zur Kasse bitte. Unsere private Krankenkasse hat zum Glück einen Teil davon bezahlt. Nun haben wir jeder einen Behandlungsplan und wissen, was an weiteren Kosten auf uns zu kommt. Die Zahnärztin war wirklich sehr nett und wir hatten trotz der intensiven Untersuchung nicht den Eindruck der Abzocke. Sie hat alles mit uns besprochen und war sehr interessiert an unseren bisherigen Behandlungen.
Keiner hat mir geglaubt, doch jetzt habe ich den Beweis. Auf dem Röntgenbild meines Gebisses war ein Zahn zu sehen, in dem ein langes Stäbchen steckt. Das ist mein Kindheitstrauma, verursacht durch eine spritzen- und damit betäubungslose Wurzelbehandlung im Kindesalter. Die Zahnärztin sagte, sie wüßte nicht, was das ist. Und sie möchte da auch nicht ran, solange ich keine Schmerzen habe. Touch wood.

Mitbringsel aus Tasmanien



















TASMANIA

Tasmania

Unter dem Bild könnt Ihr Euch die Bilder unserer Reise ansehen. Mittlerweile kann man sogar auf die Tasmanien Landkarte gehen und sehen, wo wir die Bilder gemacht haben. Für ganz Fortgeschrittene kann man das auch in Google Earth runter laden.

Gestern habe ich die ersten Links per Mail verschickt und bekam als Frage zurück, ob in Tasmanien Winter war. Nein, auch wenn es teilweise so aussieht; es war kein Winter! Dennoch sind die Temperaturen in Tasmanien andere als in Perth. Wir hatten wohl im Schnitt um die 22 Grad. Grundsätzlich ist das warm genug. Doch wir haben auch gemerkt, dass wir verwöhnt sind vom Perther Wetter.

Mit unserem Campervan haben wir Tasmanien einmal grob umrundet und sind ca. 2000 Kilometer gefahren. Aus heutiger Sicht, ist Tasmanien ein Muss. Zumindest für diejenigen, die in der Nähe leben. Was für eine wunderschöne Insel. Ich hätte am liebsten jeden Winkel geknippst, um meiner Erinerung nichts entgehen zu lassen. Letztendlich haben wir an die 700 digitalen Fotos, zwischen denen ich für das Album auswählen konnte. Das zu entscheiden, ist nicht immer leicht. Es gibt einen extra Reisebericht mit powerpoint gemacht. Den können wir nicht online stellen, sondern nur auf CD brennen, und verschicken.
Auf der Mappe sind die Strecken eingezeichnet, die wir jeweils gefahren sind. Auf den ersten Blick wird ersichtlich, wieviel noch übrig geblieben ist.

Tasmanien hat ca. 500.000 Einwohner. Hobart ist die Hauptstadt von Tasmanien. 48.000 Einwohner. Höchster Berg: Mt Ossa 1600 Meter (Cradle Mountain, 1500 Meter hoch). Temperaturen: zwischen +40 und -13 Grad.

Tierische Besonderheiten: Tasmanian Crayfish (größter der Welt, kommt nur in Tassie vor, lebt in Flüssen, wird bis zu 3 kg schwer und kann durchaus einen Meter lang sein; Farbe: schwarz); Tasmanische Schlangen sind alle giftig (wir haben eine aus dem Auto gesehen); den Tasmanischen Teufel gibt es immer noch (ich habe ihn lediglich mal in einem Perther Wildlife Park gesehen); Tasmanischer Tiger (ist lange ausgestorben); Wombats haben wir viele gesehen (zuerst überfahren am Straßenrand, dann lebendig und ziemlich nah); Kängurus (gibt es zwei Arten; beim Wandern konnten wir einige sehen)

Hobart hat uns sehr gut gefallen. Eine Stadt, die lebendiger als Perth ist. Beide Städte haben das Glück am Wasser zu sein. Und beide Städte haben dieses Potenzial unterschiedlich genutzt. Im Vergleich hat Hobart da einen deutlichen Vorsprung, was Architektur, Nutzung der Lage, historischen Bauten etc. anbelangt. Hobart wirkt wie eine Hansestadt mit Flair und frischer Meeresluft.

Tasmanien vereint viele unterschiedliche Landschaften und ist damit sehr kontrastreich. Wahrscheinlich habe ich deshalb auch zum ersten Mal so richtiges Heimweh bekommen. Es ist dem Europäischen ähnlich (ein bißchen Norwegen, Schweden, Mecklenburg), hat was von Canada und Kalifornien (sagt Thomas, denn in Kalifornien war ich noch nie).

Der Flug von Perth nach Tasmanien über Sydney war recht nervig. Wir hatten bereits in Perth Verspätung und kamen somit in Sydney später an. Da in Melbourne an diesem Tag (20Dec) Unwetter war, haben wir unseren Anschlussflieger in Sydney zum Glück nicht verpasst. Denn auch dieser war verspätet. So kamen wir um Mitternacht in Hobart an (sind um 13.25 in Perth mit dem Flieger los!), dann schnell noch mit dem Taxi in die Lodge. Schlafen, Frühstücken und ab auf die Tasmanische Road. Am 21 Dec haben wir den Campervan abgeholt, bepackt (wir hatten so viel dabei, als ob wir eine Weltreise machen wollten), eingekauft und sind Richtung Norden entlang der Ostküste. Erstes Ziel war die Wineglass Bay (einer der 10 schönsten Strände der Welt). Wettertechnisch ahnten wir jedoch, dass wir wenig Glück mit dem Ausblick auf die Bay haben werden. Schlussendlich war es auch so. Auf unserer 5 Stunden Wanderung im Freycinet NP haben wir die Wineglass Bay gesehen, sind am Strand gegangen, haben von oben drauf geschaut etc. Einig darin, dass es so viele schöne Strände gibt und etwas verwundert, warum gerade diese Bay zu den Schönsten der Welt gehört.

Unseren Heilig Abend haben wir wie 2006 auf dem Campingplatz verbracht. Thomas hat sich einen Hummer gegönnt (ist das rote Etwas im Album mit dem Preisschild drum herum). Ich hatte beim Zugucken zu tun, dass ich nicht erbreche. Denn er musste diesen Hummer selbst zerlegen.

Alles Weitere kann man den kurzen Bildunterschriften im Album entnehmen.

Zusammenfassend war dieser Urlaub einer der Schönsten. Und Tasmanien läuft Canada beinahe den Rang ab. Wir werden wieder dorthin reisen. Irgendwann. So viel gibt es noch zu entdecken und zu machen.

Noch was Wissenswertes zum Schluss: Tasmanien heißt Tasmanien, weil es von Abel Tasman im 17. Jahrhundert entdeckt wurde. Außerdem war es mal mit dem Festland Australien verbunden. Von den Europäern aber erst im 19. Jahrhundert besiedelt.

Tuesday, January 1

Thursday, December 20

Auf nach Tasmanien

Die Rucksäcke sind gepackt. Wahrscheinlich wieder zu viel. Aber man weiß ja nie. Denn das Klima ist wechselhaft. Im Moment sieht es so aus, als ob uns leichter Regen in Hobart erwarten wird.
Unser Flieger geht um 12.55 mittag, den online check in haben wir schon gemacht, so dass wir uns nicht stressen müssen. Thomas ist noch schnell zum Friseur. Und ich? Was mache ich wohl? Noch einmal saugen, aufräumen. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.
Das Schweizer Weltenbummler Paar zieht morgen in unser Haus und hütet es, bis wir wieder kommen. Na, dann kann es ja los gehen.


Wir wünschen allen frohe Weihnachten, wie auch immer jeder Einzelne es auf seine Art verbringen mag. Passt auf Euch auf und rutscht gut ins neue Jahr.

Monday, December 17

Jahreszeiten

Während der Frühling in den Endzügen hier liegt, zeigt der Herbst in Deutschland schon seine winterliche Seite und stimmt alle ein. In den Winter. In Australien steht der Sommer bevor. Und im Moment hat es eher den Anschein, als ob es Winter hier wird statt Sommer. Regen. Wolkenbedeckter Himmel. Frischer Wind mit der Neigung zu Stürmen. Ungewöhnlich; wie wir lesen und hören für diese Zeit in Australien. Letztes Jahr war es wesentlich heißer und wärmer um diese Zeit. Auf das Wetter war ja noch nie wirklich Verlass. Doch bisher waren zumindest die Wochenenden warm. Seit einiger Zeit passiert selbst das nicht mehr. So haben wir den dritten Advent in deutschlandähnlicher Stimmung verbracht. Hatte auch was, so konnten wir im Lichte der Kerzen kuscheln, Bücher lesen und Musik hören. Die vier Jahreszeiten stimmen uns ins Wochenende und rufen in mir zum ersten Mal richtiges Heimweh hervor. Ja. Jetzt zu Hause sein. Das wär was.

Die Aufregung der letzten Tage, weniger gute Neuigkeiten aus der Heimat von der Familie haben sich zum Glück wieder aufgelöst. Es scheint immer mal wieder eine Art Probe zu sein, wie lange ich das aushalten kann. Eine neue Rolle begleitet mich . Früher wäre ich, egal wie spät, nach Güstrow gefahren. Heute muss ich einen klaren Kopf bewahren, mich darauf verlassen, mit Informationen auf den aktuellesten Stand gehalten zu werden. Dennoch. Warten. Warten. Und die Ungeduld beginnt einen Nervenkrieg. Ohnmacht gesellt sich dazu. Ein wirkliches Gefühl, als ob mir die Hände gebunden wären. Angst ist der Reißverschluss und schließt das neue Kleid. Und die Panik sorgt dafür, dass das Kleid nicht passen kann.

Wieviel es ausmacht, schlechte Nachrichten zu erhalten. Das Klingeln zu ungewohnter Zeit. Ruhige klare Stimme exakt erklärend was passiert ist. Es hat mir geholfen, Ruhe zu bewahren. Danke Sister! Und dann entsteht eine ungewöhnliche Phase. Stille. Die Ohren aufs Höchste geschärft. Hat es da eben noch einmal geklingelt? Das Telefon nicht mehr verlassen, es zumindest in Sichtweite haben. Nicht aus dem Haus bewegen. Zu wichtig, was ich verpassen würde. Und dann kommt es dann, das lang ersehnte Klingeln. Weniger Ruhe, mehr atemlos und sehr traurig. Ich kann nicht durch das Telefon schlüpfen, ich kann Dich nicht in den Arm nehmen, ich kann nicht neben Dir sitzen, ich kann nicht einfach da sein. All das und wesentlich mehr waren Begleiter meiner Gedanken. Soll ich einen Flug buchen, oder noch warten? Wie lange soll ich warten? Wissend, dass es im Moment beinah aussichtlos ist, das Land zu verlassen, weil alles ausgebucht ist. Das Telefon. Ja ich rufe jetzt selbst an im Krankenhaus. Und endlich die mir vertraute Stimme. Alles ist gut und wird wieder besser. Erste Entwarnung aus der Ferne. Und dann noch ein Anruf. Auch da hat das Daumen drücken und das Schicken guter Gedanken geholfen. Erleichterung schlüpft in meinen Körper. Jetzt erst einmal lange ausatmen.

Mittlerweile ist alles wieder so, wie es in der Regel ist. Jeder ist wieder an seinem Platze. Zu Hause. Alle wieder auf dem Damm und keine weiteren schlechten Nachrichten.

Zur Entspannung hören wir Vivaldi. Den Blick nach draußen gerichtet und alle Bilder im Kopf, die zu dieser Jahreszeit gehören. Die Augen haben es schwer, das Wasser zu halten. Ihr fehlt mir!