Tuesday, April 29

Klappe, die 250ste!!!

Rotwein im Blut und endlich Feierabend.

Danke den fleißigen Schreibern, die mir Mut machen, den Blog weiter zu schreiben. Macht es mir doch deutlich, dass es noch ein paar Leute gibt, die das tatsächlich lesen.

Mein Vater hat die Auszüge mittlerweile auf Rechtschreibung etc. korrigiert. So werde ich eines Tages alles in einem gebundenen Buch haben. Ach, darauf freue ich mich sehr. Danke Paps! Auch für Eure wirklich ergreifenden Zeilen zu meinem vorher gehenden Blogeintrag. Leider kann ich nicht mehr faxen, denn ich habe meinen Webzugang gekündigt. Aber Faxe empfangen kann ich immer noch.

Zur Zeit überschlagen sich die beruflichen Ereignisse und die Stimmung ist wieder auf Normallevel. Ich habe es gelernt, zu sagen, was ich denke und zu adressieren. So kann ich nun auch im englischen mehr und mehr für mich selbst einfordern. Das ist gut und hat mir lange gefehlt. So habe ich eine Situation lösen können, die mit Auslöser für meinen letzten Beitrag war. Ich bin dankbar, dass ich mich selbst disziplinieren kann, um meine Gedanken in eine annehmbare Sprache umzusetzen. Es dauert.

Die kommenden Wochen im Kalender sind ausgebucht. Im Moment laufen uns die Studenten und Mitarbeiter der Uni die "Bude" ein. Wir müssen aufpassen und auch nach außen Grenzen setzen. Immerhin ist dieser Service kostenlos und für alle anderen so selbstverständlich geworden, dass sie zunehmend Grenzen überschreiten. Wir müssen das besser kommunizieren . Unsere Rezeptionistin hat eine Menge an schlechtem Verhalten auszuhalten, wenn die Klienten nicht sofort einen Termin bekommen. Es ist wirklich unglaublich.

Ich habe gestern 10 Minuten vor meinem Feierabend eine Klientin gesprochen, die nicht in mein Büro kommen wollte, von ihrem Dozenten gebracht wurde, schlecht Englisch sprach und nicht zu hörte. So habe ich ihr verständlich gemacht, wie ungünstig es ist, vor allen rumstehenden oder rumsitzenden Personen im Warteraum ihre Situation anzuhören. Sie sprach weiter, als ob sie mich nicht hörte. Ich konnte sie aber auch nicht ziehen, so blieb ich stehen, um ihr zu zu hören. Dann erklärte ich ihr, was man tun kann und sie hörte mir nicht zu. Also bin ich etwas konsequenter geworden und habe sie aufgefordert, jetzt mir zu zu hören, nachdem ich selbiges getan habe. Meine Stimme ist wohl etwas lauter geworden. Es hat geholfen und nachdem sie begriffen hat, was ich ihr erklärte, war sie etwas beruhigter. Du meine Güte, diese Sorte von Klienten tritt mittlerweile einmal täglich in Erscheinung. Es ist beunruhigend.

Eine andere Klientin kam heute und offenbarte, dass sie ihren vierjährigen Sohn hasst. Ihre Wut ist so tief und sie ist verzweifelt. Und da saß ich, nicht wissend, wie es ist, ein Kind zu haben. Es war eine meiner besten Sessions.






Tuesday, April 22

Im Tief des Zweifels

Hier sind wir nun wieder vereint und froh, dass das so ist. Der Alltag reißt uns in die Tiefe und lähmt unsere Motivation, Arbeit Arbeit sein zu lassen.
Die Arbeit dominiert und erschöpft unsere Kraft, auch noch etwas anderes zu machen, als das. Es ist heute und es war gestern schwer, Energie zu entwickeln und vor die Tür zu gehen. Und ich ertappe mich dabei, dass ich sehnsüchtig nach Berlin schaue und gerne zurück würde in mein altes Nest, das so stabil war und uns wenig gerüttelt hat. Mal eben zum Nachbarn runter gehen, eine Flasche Wein zusammen trinken, über Gott und die Welt zu lästern, ohne Bedauern. Mal eben runter gehen und lachen, bis die Tränen kommen. Ungeplant und unverbindlich. Hier müssen wir immer fahren. Fahren, fahren, fahren. Um irgendwo etwas Spaß zu haben.
Der Kühlschrank gähnt. Vor Leere. Und somit ist auch der Spaß am Kochen heute nicht möglich. Es ist einer dieser Tage, die mir immer noch so viel Instabilität vermitteln. Auf Arbeit läuft es. Irgendwie. Es ist langweilig, ich stelle mein Können in Frage. Meine Zweitsprachfähigkeiten auch. Ich vermisse es mich auszudrücken, ohne dass es dämlich wirkt. Ich vermisse zu wissen, worüber ich rede. Ich vermisse zu lachen, wenn ich weiß worum es geht. Ich bin genervt davon, immer noch ein Außenseiter zu sein. Und ich weiß ich werde es ewig bleiben. Ich bin lahm geworden und lasse mich aus der Energie kicken, als wäre es nichts. Alles verraucht, so schnell, wie es gekommen ist. Gestern noch auf dem Baum, heute schon unter der Krone.
Ich frage mich, wie es wohl wäre, wieder in Berlin zu sein. Wäre es wirklich besser? Anders ganz sicher. Würde ich fröhlicher sein, hätte ich mehr Energie, und hätte ich mehr Lust, meine Freizeit zu packen und zu gestalten?
Ist es ein Tief, dass ein weiteres Hoch einleitet? Sicher, denn kontrastreicher können Tage nicht sein. Ich sehne mich jedoch nach Stabilität und ich sehne mich nach Vertrautheit. Ich sehne mich nach Gemeinsamen und ich sehne mich nach der frischen Frühlingsluft in Berlin.
Doch ich weiß, es kann nicht wieder werden, wie es war. Ich weiß, dass ich das nicht zurückbekomme, was ich hatte. Und ich weiß, egal was ich tue, es wird immer anders sein. Manchmal packe ich es am Schopfe und ignoriere meine Sorgen. Und manchmal, so wie heute, gelingt mir das nicht. Was bleibt?
Das frühe zu Bett gehen und wenigstens ein gutes Buch.
Morgen wird es wieder anders sein. Oder vielleicht erst Übermorgen?

Sunday, April 13

Entwicklungshilfe

Was in den letzten Wochen passiert ist, ist nicht mehr wirklich so spektakulär, um hier fest gehalten zu werden. Der Blog hat sich mehr in ein Tagebuch verwandelt, das etwas von unserem Alltag preisgibt. Ich hadere mit mir, ihn abzuschalten. Es ist die Zeit, die ich mir nicht mehr nehme, um regelmäßig aufzuschreiben, was so los ist in down under. Dennoch hält mich eine innere Sucht, weiter zu machen, weil ich selbst davon profitiere. Ich würde mein Erlebtes in keiner anderen Form mehr festhalten. Ich bin zu gewöhnt daran und freue mich, wenn ich in meinem Blog blättere und nachlesen kann, was denn vor einem Jahr gewesen ist.

Manchmal verspüre ich Lust, ein Buch zu schreiben mit allen Wunderlichkeiten Australiens, über die Kommunikationskultur untereinander hier, um die Lücke der Verantwortung, über den geringen Selbstwert, über das Prollverhalten, über Stillosigkeit, über schlechten Service, über die „Unendlichkeit“, über Kontrolle, und und.

Mein Tag ist gefüllt. Weiter mit so unterschiedlichen Klienten, weiter mit diversen unterschiedlichen Workshops und Vorträgen. Voll mit einigen Klienten, die regelmäßig einmal wöchentlich oder vierzehntägig kommen. Und nun endlich auch mit einigen Zeitblockern, die ich mir nehme, um Mediationen vorzubereiten bzw. Termine dafür anbieten zu können.

Ich habe gerade zwei Mediationsfälle zu begleiten. An der Rezeption ist es keine Frage mehr, wer das bei unserem Service macht, wenn Anfragen diesbezüglich rein kommen. Sie werden alle gleich an mich weiter geleitet. So bekomme ich mehr und mehr tiefe Einblicke in eine ungesunde Umgangskultur, die größtenteils nur Lösungen anbietet, die ein entweder oder beinhalten. Schwarz oder weiß. Halt durch oder geh. Viele Mitarbeiter sind überfordert und überwältigt von einer Hierarchie, die wenig Spielraum zulässt. Es ist ein durchgestyltes Mikromanagement, dass keinen Raum für Flexibilität anbietet sowie auch keinen Raum für Eigenverantwortung schafft. Und so halten sie tagtäglich durch, jeder auf seinem Posten, jeder in seiner Position, jeder in seiner Hierarchie. Die Aufteilung in akademisches und nicht akademisches Personal reizt meines Erachtens das Misstrauen bis aufs Äußerste.

Zwischen einem Team und einer Direktorin gibt es seit 6 Monaten einen Konflikt, der zu Beginn von Missverständnissen genährt war und nun zu einem aufgeblasenen stark eskalierten Grad zutage tritt. Tränen, Verletztheiten, Sprachlosigkeiten und Erwartungen. Misstrauen und Bandelaien wollen jeden Tag genährt werden. Die Business Managerin dieser Fakultät sucht Kontakt zu mir und erzählt von dieser festgefahrenen Situation. Sie sieht den Eskalationsmechanismus, sie trifft jeden Beteiligten und weiß, dass es nur noch ungesund ist. Sie ist relativ neu an der Fakultät und will, dass da was gemacht wird, um Mitarbeiter zu halten. Ich empfehle, dass sie den Kollegen dort anbieten kann, mit mir in Kontakt zu treten. Mittlerweile habe ich alle Beteiligten einzeln gesprochen und ein gutes Bild von dem, was da vor sich geht. Ohne eine dritte unparteiische Person gibt es tatsächlich nur noch ein entweder aushalten, krank werden oder kündigen. Der Konflikt spielt zwischen Hierarchien, was es schwerer macht, den beteiligten Personen schwer macht, Vertrauen in eine Mediation zu legen. Mein Angebot, das ich zur Vorgehensweise angeboten habe (führe ich hier nicht an) hat für mächtige Unruhe gesorgt. Angst beherrscht die Schlüsselpersonen, die sich nicht alleine in der Mediation begegnen wollen. Ein zusätzliches Krisengespräch mit einer Beteiligten und sechs Telefonaten mit ihr und der Direktorin sowie Emails etc. führten am Ende dazu, dass sie erstmal zusammen zu mir kommen. Es war Schwerstarbeit und ich habe das Gefühl, dass das erst der Anfang ist.

In einem anderen Konflikt handelt es sich um zwei Kolleginnen, die auf gleicher Ebene arbeiten, also ohne Hierarchien. Auch diese Beiden habe ich zunächst einzeln getroffen. Sie haben beide zur Mediation zugestimmt, ohne dass ich große Überzeugung leisten musste. Eine kleine Anekdote aus dem Konfliktpotenzial: Die eine Kollegin hält zu jeder Mittagszeit einen ein Stundenschlaf unter ihrem Schreibtisch. Eingekuschelt in ihre Decke erwartet sie Ruhe drum herum. Somit muss die Andere ruhig sein, den Raum verlassen oder still sein. Als ich das hörte, wusste ich nicht, ob ich entsetzt war oder einfach nur lachen wollte. Leider ist das nur ein kleiner Teil des großen Konflikts. Schade, es wäre zu einfach gewesen, hierzu eine Lösung zu verhandeln.

Ein Freund traf es auf den Punkt, als wir uns über dieses und andere Ansichten zum Thema Konfliktkultur etc. unterhielten. Wie sagte er so schön? "... na dann leistest Du ja Entwicklungshilfe." Zum Glück werde ich wenigstens dafür bezahlt.



Saturday, March 29

Entertainment

Ermuntert mal wieder was zu bloggen, berichte ich heute über alles, was die letzten Tage so her gegeben haben.

Ich schwanke zwischen unterschiedlichem Zeitempfinden. Manchmal denke ich, es ist nicht so lange her, dass ich bei meiner Familie war und dann denke ich wieder, es ist ewig her. Osterfotos von der traditionellen Reise meiner Liebsten daheim haben mich neidisch und wehmütig gemacht. Und dann frage ich mich doch häufig, wen es am meisten trifft. Mich, hier alleine, oder meine Familie, die sich wenigstens hat? Ein müßige Fragestellung, da ich weiß, es kommt immer auf das Auge des Betrachters an.

Mittlerweile habe ich so viel Arbeit, dass meine Wochenenden nicht mehr verschont bleiben. Ich ertappe mich dabei, wie ich es förmlich mit in Planungen einbinde und mich tröste, dass ich das, was ich nicht geschafft habe, ja zu Hause machen kann. Es wird auch wieder ein Danach dieser Hochphase geben.

Im Moment bereite ich diverse Workshops und Präsentationen zum Thema Konflikte und Co vor. Letzten Donnerstag habe ich den ersten Workshops begonnen, mit 21 Teilnehmern. Danach war ich völlig im Eimer, da ich alles gegeben habe. Das Gefühl und der Eindruck, dass es Spass macht und das es gut ist, sowie die Rückmeldungen (19 von 21 haben sehr gutes Feedback gegeben) gleichen die Erschöpfung wieder aus. Und spätestens jetzt weiß ich wieder, was ich kann und das es keinen Unterschied mehr macht, in welcher Sprache.

Mein jährliches Mitarbeitergespräch hat ebenfalls Donnerstag statt gefunden und war erfolgreich. Mein Chef hat signalisiert, dass er sich um eine Festanstellung (über den 31.12.) hinaus bemühen will. Ich glaube, er ist so froh, dass es wenigstens einen in diesem Service gibt, der die Arbeit mit Konflikten liebt. Rückblickend habe ich im letzten halben Jahr 371 Klienten in Sessions gehabt, nicht wenig. Auch das ein gutes Zeichen, dass meine hauptsächliche Arbeit gut gemacht wird.

Am Osterwochenende sind Studenten unserer Uni im Süden von Perth gewesen. Ein Student ist ums Leben gekommen, weil er von einer Kingswave (Königswelle) von den Felsen gepült wurde. Beide sind erfasst worden, doch einer konnte sich retten. Er musste mit ansehen, wie der andere irgendwann nicht mehr hoch kam und hören 'Sag meiner Mutter, dass ich sie liebe'. Die anderen Studenten haben von oben zu gesehen. Alles in einem ein critical incident, den wir im Nachgang an der Uni begleitet haben. Ein wirkliches Drama. Der Student war aus Canada und islamischer Herkunft. Seine Eltern wollten nicht glauben, was passiert ist, als sie angekommen sind. Denn der Körper ist bis heute noch nicht gefunden worden. Als unser Chef zum Briefing geladen hat und dem Namen des Studenten nannte, erkannte ich, dass dieser Student vor drei Wochen bei mir in der Sprechstunde war.

Thomas bereitet sich umfangreich auf seine Präsentation in Detroit vor. Dafür coache ich ihn täglich, damit er sicherer wird und seine Aufregung besser managed. Ganz wird sie nicht verschwinden. In zwei Wochen ist er unterwegs. Er fliegt von Sydney weiter (Start Samstag 9.00 morgens und ist Samstag 11.00 morgens in Amerika). Noch Fragen? Ich begreife das immer wieder nicht, wie das geht bzw. wissen wir es ja. Dennoch klingt es immer so unwirklich.

Thomas' Eltern sind fieberhaft in den Vorbereitungen ihres Besuchs im Oktober. Unsere Bemühungen liegen noch in den Kinderschuhen was unser Kommen anbelangt. Zeiträume, die wir uns ausgesucht haben, sind unbezahlbar. So werden wir wohl mitten im Off landen, aber das ist auch egal, Hauptsache wir kommen.

Saturday, March 22

A nice Easter

Ostern. Wir sind bald zwei Jahre hier und dies ist mein erstes Osterwochenende, das ich in Australien verbringe. Meine Familie verbringt diese Tage traditionell an der Ostsee. Ohne mich. Ohne uns. Es ist schwer auszuhalten. Die Momente sind schwach und das Hirn arbeitet in seiner Vorstellung, was sie tun, wie es ihnen geht und wo sie gerade sind. Die Bilder sind scharf und präsent.

Wir geben uns damit zufrieden, Zeit für uns zu haben, und Freunde zu treffen. Das ist auch schön, und kommt manchmal zu kurz. So bietet dieses lange Wochenende ausreichend Zeit auch dafür, über die australischen Wunderlichkeiten zu lästern. Wir sind nicht allein mit unseren Eindrücken, wie unterschiedlich es ist. Und im Moment ist unser Aggressionspotenzial schnell gezündet, wenn etwas passiert, was das Feuer so richtig zum Lodern bringt.

Ich habe zum Osterfrühstück auf Arbeit gefärbte Eier mit genommen. Alle waren zunächst neugierig, doch keiner hat eins probiert. Sie waren eher scharf darauf ihre "Hot cross buns" zu vertilgen und zu sehen, was ich dazu sage. Diese Sorglosigkeit, das sich nicht kümmern um andere Perspektiven, oder teil zu haben wird zunehmend nervend.

Zu Ostern erreichte mich Post von der Polizei, die mir 3 Punkte und 100 Dollar Strafe bescherte. Das ist das Ergebnis meines Unfalls, den ich im Oktober fabriziert habe, als meine Mutter und Schwester zu Besuch waren. Danke.

Ansonsten steigt Thomas Aufregung. In drei Wochen wird er auf dem Weg oder schon da sein. Nach Detroit. und einen Vortrag vor 250 Menschen halten. So bewegen wir uns immer noch zwischen An- und Entspannung. Unsere beruflichen Perspektiven sind vielseitig und anders als in Deutschland. Immer noch.

Doch wie lange uns das reicht und wie lange wir es aushalten können, immer mehr hinter die maroden Kulissen Australiens zu sehen, ist unklar.

Frohe Ostern.

Friday, March 7

Ein ganz normaler Freitag

Es ist 10 Minuten vor 6 morgens in der Früh. Das Handy schlägt Alarm, denn unser Wecker hat schon lange seinen Geist aufgegeben. Okay eingerechnet sind 10 Minuten Kuscheln. Dann aber raus den Federn oder besser gesagt, die leichte Decke beiseite heben. Meine Halsschmerzen und der Druck in den Ohren sind weniger geworden. Dank der Medikamente gibt es heute keine Ausrede für das früher Verlassen der Arbeit.

Beinah geräuschlos gelingt es mir, mich aus unserem Schlafgemach zu schleichen. Thomas hat noch 1,5 Stunden Zeit zum Kuscheln. Draußen geht wie jeden Tag die Bewässerungsanlage unsere Nachbarin an. Ein mittlerweile gewohntes Geräusch. Und auch heute sage ich mir wieder, dass ich ihr einen Zettel in den Briefkasten legen muss. Entweder checkt sie es nicht, oder sie kümmert sich nicht darum. Wir dürfen nur an zwei Tagen bewässern. Genau nur am Donnerstag und Sonntag. Heute ist Freitag!

Mein Weg geht schnurstracks ins Arbeitszimmer, den Laptop zum Erwachen bringen. Es können schließlich nicht alle so inaktiv im Haus sein. Ich brauche Gesellschaft, wenn sie auch tonlos ist. Immerhin. Nebenbei gehe ich in die Küche mache die Espressomaschine an, hole die Milch, Brot und Marmelade (Schwartau Erdbeere gestern gekauft) aus dem Kühlschrank. Wieder zurück ins Arbeitszimmer und den Button drücken, dass ich wirklich den Laptop anmachen möchte. Das nervt. Zurück. Toilette (ja, ja so genau werde ich nicht). Dann den Laptop nehmen und schon mal mit in die Küche damit. Mittlerweile ist die Espressomaschine bereit, alles zu geben. Ich schneide eine Scheibe Weizenbrot (herrlich frisch) ab und drücke auf den Kaffeeknopf. Die Maschine macht unglaublich laute Geräusche, als sie implodiert. Das Licht brennt nur hier. Sonst ist es noch überall dunkel. Ich schmiere mir mein Brot, schalte den Knopf an der EM an, um die Milch aufzuschäumen. Dann ist die Stulle fertig, der Knopf am Laptop zum Internet gepresst und die Milch geschäumt. Auf das Tablett gestellt.

Ich mache die Tür nach Draußen auf und stelle den Laptop auf den Terrassentisch. Das Frühstück hole ich nach. Kann schließlich nicht beides auf einmal tragen. Ich freue mich schon seit 5.50 auf meine erste Zigarette (ohne Kommentar) und nehme draußen Platz. Ich bin immer noch im Nachtkostüm, allerdings mit einer Kuscheljacke an. Es ist frisch am morgen. Zuerst rauche ich, nebenbei warte ich geduldig darauf, dass googlemail sich öffnet und hoffe, dass mein Postfach übervoll ist. Nur eine Mail von einer ehemaligen Kollegin. Ich kann den Anhang ihrer Mail nicht starten, denn ich habe ja keinen Ton. Spare ich mir für heute Abend. Will ja nicht, dass Thomas unliebsam aus seinem Schlaf gerissen wird. Es blitzt und tröpfelt.

Heute.de bringt Nachrichten, die anscheinend nur von der Überschrift täglich geändert werden, ansonsten aber immer den gleichen Kram berichten. Wie langweilig. Oh, schon 6.30. Alles wieder rein bringen. Duschen. Beim Duschen denke ich darüber nach, was ich anziehe. Zum Glück habe ich letztes Wochenende so viel gebügelt, dass ich das nicht auch noch machen muss. Und schon bin ich frisch gefönt. Gehe noch einmal unter die Dusche, weil ich nach dem Fönen schwitze, als ob ich 5 km gelaufen wäre. Nimmt man davon eigentlich auch ab?

Und dann geht das Licht aus. So ein Ärger, es ist noch zu schummrig fürs Auge. Ich probiere ein paar andere Schalter aus. Der Strom ist definitiv weg. Kurz überlege ich, raus zu gehen und in den Sicherungskasten zu schauen. Mein weiblicher Instinkt treibt mich dann doch eher zu Thomas und hofft auf Hilfe. Hier bekomme ich nur Bestätigung, dass das wohl überall so ist. Sollte doch mal nachsehen, ob die anderen Häuser auch dunkel sind. Das ist leicht gesagt, denn ich kann nur in ein Fenster nebenan schauen. Um zu checken, ob in der ganzen Gegend der Strom weg ist, müsste ich im Halbnacktgewand raus vor die Tür. Nun das mute ich mir nicht zu. Die Zeit. Und wieder einmal ist mein Handy die Rettung. Habe ich da doch so eine kleine Lampe drin. Ich funzele durch die Wohnung. Halte das Licht gegen den Spiegel, damit ich mich schminken kann. Ich wähle kurze Bluse und Jeans (hatte ich gestern auch schon an, aber egal, schließlich war Stromausfall), den Rollkragenpullover und eine Weste eingepackt. Nicht wundern! Ich stelle mich auf jeden Wetterfall ein. Den Schirm finde ich immer nur, wenn ich es draußen heißt ist.

Dann will ich ins Auto. Da kommt Thomas raus und sagt, dass das Tor nicht aufgehen wird. Ist ja Stromausfall. Für einen Moment hatte ich schon die Ausrede für mein Zuspät kommen auf Arbeit im Kopf. Und auch den Gedanken, einfach wieder ins Bett zu gehen. Aber wofür habe ich so einen wunderbaren Mann. Er macht das Tor auch ohne Strom auf. Nun aber fix. Es ist doch später geworden, als ich los wollte. 5 Minuten vor halb acht.

Draußen ist eigenartiges Licht. Scheinwerfer an, der Himmel sieht weiter gelb und die Luft stickig aus. Ungewöhnlich viele Autos auf der Straße. Beim ersten Regentropfen kriegen sie hier alle die Panik. So fahren wir brav zur Arbeit. Jeder in seinem eigenen Auto. Ach, da hat man so viel Platz. Muss nicht sprechen, muss keinen ätzenden Parfümgeruch ertragen, oder gar Mundgeruch vom Mitfahrer. Hat doch was. Meine Laune ist gut. Und so benehme ich mich außerordentlich freundlich. Will ich eine Fahrerin in meine Spur lassen, weil sie von der Linksabbiegerspur doch lieber geradeaus weiter will. Mein Tempo verlangsamend winke ich ganz langsam von rechts nach links, dass sie einbiegen kann. Bis sie das verstanden hat ist eine Minute vergangen. Wie blöd sind die hier eigentlich? Ach so schnell bin ich wieder beim Verallgemeinern. Weiter. Der Freeway ist voll gestopft, wir stottern langsam vor uns hin. Kurz vor der Campuseinfahrt versuche ich noch einmal, das Prozedere des rücksichtsvollen Einfädelns. Auch diese Dame brauchte 1 Minute bis sie verstand. Ich atme tief durch. Schließlich sage ich das so vielen Klienten, wen sie ihrer Wut Luft lassen sollen. Ich parke. Heute habe ich einen Superparkplatz. Ich steige aus, nehme meine Tasche und schwinge mir den Pullover um den Hals.

5 vor acht. Eigentlich will ich noch einen Kaffe auf den Weg ins Büro mitnehmen und schwenke im Kaffeehaus ein. Dort ist die Schlange zu lang. Weiter.

Ich weiß, ich bin wieder die erste. Mit dem pünktlichem Ankommen am Freitag im Büro ist es so eine Sache mit den Kollegen. Ich komme in unseren Eingangsbereich und mache erst einmal alle Lichter an. Zum Glück geht der Strom.

Die Behindertentoilette steht wieder wie immer sperrangelweit auf. Licht an. Kann man denn diese Tür nicht zumachen? Oder hat das auch was mit behindertenfreundlich zu tun, dass die Tür einladend den Blick auf das WC ohne Deckel frei gibt. Ich mache sie zu. Mir doch egal, es stört mich.

Ich schließe mein Büro auf, fahre Rechner hoch, logge mich ein. Und sehe mir meine Termine an. Wie schön, nur zwei Klienten gebucht. Am Nachmittag bin ich der Emergency counsellor. Da weiß man nie was kommt. Ich hoffe inständig, dass es ruhig bleibt. Ich habe mir auch heute wieder viel vorgenommen. Doch eins nach dem anderen.

Die ersten Kollegen trudeln ein. Da es in meinem Büro so aussieht, als wäre ich schon mindestens eine Stunde hier, habe ich mir schon die erste Pause verdient. Mein Geld schon in der Hand und will mir also einen Kaffee in der Bibliothek kaufen gehen, und ein paar Bücher ausleihen. Und da geht es schon los. Eine Kollegin möchte auch einen Kaffee. Nachdem ich versichert habe, ihr einen Kaffee mitzubringen, habe ich aber versäumt ihr zu sagen, dass ich erst in die Bibo will. Egal, sie wird es aushalten.

In der Bibliothek ist schon Betrieb. Es ist 10 Minuten nach acht. Ich logge mich dort in den Rechner, suche was ich will und gehe in die entsprechende Etage. Ich verbringe Minuten vor dem Regal nach einer Nummer suchend. Mein Blick geht hoch und runter, dann wieder nach links und rechts. Es ist ausgeliehen. Gestehe ich mir ein und greife zwei andere Bücher. Beim Ausleihen, packe ich meine Mitarbeiterkarte unter den Laser. Der ignoriert mich und ich puzzle meinen Büroschlüssel von der Karte ab. Noch einmal. Das nervt. Dann endlich geht es. Bücher unter den Laser und den Leihzettel ausgedruckt. Jetzt aber einen Kaffee. Ach ne, zwei. Die muss ich dann auf die Bücher stellen und hoffe inständig, nicht zu stolpern. Alles kommt heil an.

Vor meinem Rechner sitze ich zum tausendsten Mal an meinen Präsentationen und Ausarbeitungen für diverse Konfliktworkshops. Mein Emailpostfach quillt über, anders als das zuhause! Es wird 9.00. Die erste Klientin kommt nicht, was ich nach 20 Minuten dann auch sehe, als ich meinen Kalender gecheckt habe. Die Rezeption hat das wortlos notiert. Aha, diese Klientin hat heute Labor. Als ob sie das gestern nicht schon wusste. Okay. Ich gewinne Zeit, um zu arbeiten und zu plauschen.

11.00. Nun diesem Klienten habe ich schon nicht geglaubt, als er sagte, er würde ganz bestimmt wieder kommen, dass er wieder kommt. Er hatte schließlich einen Brief bekommen, den er brauchte. Das ist drei Wochen her. Auch gut. Also schon zwei DNA heute (did not arrived/nicht erschienen).

Um halb 12 gehe ich rum und frage, ob es außer mir noch jemanden gibt, der einen Falafel will. Ich werde fündig und wir verspeisen diesen herrlichen Falafel zwischen 12 und 1 in lustiger Runde. Wir verklickern unserer Rezeptionistin, dass sie heute nicht so freundlich sein soll. Vielleicht kommt dann keiner mehr.

Denkste. Ich sitze 20 Minuten nach Lunch wieder in meinem Büro. Habe mittlerweile die blöde Klimaanlage in meinem Büro zu geklebt. Und dann werde ich auch noch "belästigt". Na gut, ist ja mein Job und Krisen kann ja keiner planen. Ich verstehe den Klienten schlecht, er ist aus Simbabwe und hat seinen 3jährigen Sohn am Dienstag verloren. Harter Tobak und ich entscheide, ihn zum Roster counsellor zu schicken. Der hat keine Lust und sagt ich soll weiter machen. Er würde dann den nächsten draußen wartenden Klienten nehmen. Okay, gesagt, getan.

Um 15 Uhr ist diese Sprechstunde beendet. Eine Kollegin bittet uns alle um ein Gespräch, denn sie hatte heute einen echten Psycho. Wir beraten. Ich sitze auf dem Fußboden im Büro des Kollegen, ärgere mich, wie schnell sie diagnostizieren und dann rüttelt die Sekretärin an der Tür. Wir realisieren, dass wir uns für dieses Meeting nicht abgemeldet haben und blicken schuldbewusst in ihre Augen. Sie sagt, draußen wäre eine vollkommen aufgelöste Studentin (es ist halb 4!). Ob noch mal jemand kommen kann. Ich überlege nicht lange. Habe meinen Senf zur Beratung schon abgegeben und leiste erste Hilfe.

Um 4.15 schreibe ich die Notizen über die Klientin, und packe meine Sachen zusammen. In einer Viertelstunde geht es ins Wochenende. Und ich realisiere, dass ich diesmal wieder was mitnehmen muss und zuhause arbeite. Doch nicht alles geschafft.

Auf dem Weg nach Hause im Auto überlege ich schon, ob ich noch was zu essen kaufen soll und entscheide "ja". Nachdem ich das dann getan und das Auto schon beladen habe, überkommt mich der Gedanke noch einmal zurück zu gehen und einen Wein zu kaufen. Wäre ja blöd, auf dem Trocknen zu sitzen, nur weil ich zu faul war, noch einmal zurück zu gehen.

So steure ich auf meinen Feierabend zu und blicke gespannt auf das fernsteuerbare Garagentor, ob es sich öffnet.
Es tut sich was und heißt mich willkommen zuhause.

Ganz schön autistisch!


Thursday, February 28

Traditionen

Klientin, 19 Jahre alt, aus Indonesien, ihre Mutter lebt dort, ihr Vater hier mit ihr, sie ist das einzige Kind. Vor einem Jahr hat sie ihre beste Freundin und einzige Vertraute verloren. Sie ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, nachdem diese eine Woche in Amerika angekommen war. Die Klientin verkraftet den Schmerz nicht. Sie will sich das Leben nehmen und hat dafür denn 22. eines Monats ausgesucht. Dieser Tag soll es sein. Und sie weiß genau wie - Tablettenüberdosis, oder vom Hochhaus springen. Sexuell mißbraucht, als sie 11 Jahre war bis sie nach Australien gekommen ist. Da war sie 18! Kann man ihr verübeln, gehen zu wollen?
Ihre Mutter verlangte, dass sie nicht weinen sollte, als ihre Freundin gestorben ist. Denn in asiatischer Kultur glaubt man daran, dass 3 Tage Trauer reichen. Wenn man das länger betreibt, hält es den Geist des Verstorbenen fest und lässt ihn nicht gehen. Doch laut diesem Glaubens muss man aufhören, zu trauern, um den Geist frei zu geben und ihn gehen lassen, damit er sich einen neuen Weg suchen kann.

Friday, February 22

Touch wood

Wochenende - Es ist Freitag Abend, bereits dunkel hier in Perth, der Wind nimmt sich zur Nacht immer mehr auf und sorgt dafür, dass wir beim Schlaf vom Rütteln der Türen gestört werden. 15 Grad am morgen, die es noch bis ca. 30 Grad am Tag schaffen. Wohl nicht mehr lange und wir können die Kerzen anzünden.

Eine Woche Arbeitsalltag weg gesteckt, als ob es nichts wäre und doch so müde am Ende dieser Tage, so kurz vor dem Wochenende. Gerade haben wir mit der Heimat geskypt und fest gestellt, dass wir vor einer Woche noch Thomas' Bruder und Familie bei uns hatten. Es kommt mir vor, als ob das schon viel länger her ist.

Mein Terminkalender an der Uni füllt sich und sorgt dafür, dass mir keine Langeweile aufkommt. Interessante Fälle tun sich auf und fordern mich, in Welten einzutauchen, von denen ich vorher noch nie etwas gehört habe.

Klientin, aus Afghanistan stammend, 36 Jahre alt, an der Uni studierend, heiratete im letzten Jahr. Noch nie im ihrem Leben zuvor sexuellen Kontakt gehabt, wird sie förmlich in die Welt der Sexualität zwischen zwei Liebenden gestoßen. Sie hat keine Vorstellung wie das ist, hört nur von anderen, dass es beim ersten Mal weh tut. Sie steigert sich hinein und hat in 10 Monaten Ehe 10x mit ihrem Mann geschlafen. Es tut weh, wenn sie es tut. Und es ist mittlerweile klar, dass die Psyche ihr einen Streich spielt, dessen Ausgang nicht absehbar ist. Sie hat einen Vaginismus. Du meine Güte, ich lerne nie aus. Interessant, wie sie gestern beschrieb, was sie denkt. Ihr Mann hat ihr Leben gestört, ihre Unizeit zur Unendichkeit forciert. Sie bedauert geheiratet zu haben und nimmt nun an, bei weiterer Interpretation des Schmerzes, den sie tatsächlich hat, ihn bestrafen zu wollen. Sich selbst auch, aber so weit ist sie noch nicht. Und eine nicht gerade Unbekannte spielt eine Rolle dabei. Die Kontrolle ... Nachdem ich also den physischen Prozess erklären musste, natürlich erst nach vielen Gesprächen mit Kollegen etc., beginnt die eigentliche Knochenarbeit. Aufbrechen, was sich weigert, loszulassen oder zu akzeptieren, dass ihr Weg ein anderer ist.

Vor vielen Jahren drogensüchtig, den Absprung geschafft, treffe ich auf eine junge Klientin, deren Mutter schizophren ist. Nach zuspitzendem Verhalten der Mutter, irrationalem Verhalten und Äußern der verwirrten Gedanken bis hin zum täglich nächtlichen Möbelrücken, weist die Tochter (meine Klientin) in die Geschlossene ein. Nun ist sie zum einen voller schlechtem Gewissen, steht unter Druck, weil die ganze Familie incl. Stiefvater sie mit Fragen und Anforderungen belasten und macht sich Sorgen, selbst so etwas mal zu bekommen. Wie kann sie damit umgehen?

Eine 38 jährige Psychologistudentin, Mutter eines einjährigen Mädchens, lebend mit ihrem Partner und als Graphikdesignerin arbeitend, ist willens, das zu ändern. Wo sind die Lücken? Aus einfachen banalen Oberflächkeiten, die schnell lösbar sind, tut sich plötzlich eine Vergangenheit und Gegenwart auf, die Ursache ihres Befindens ist. Es geht nicht um Zeitmanagement, es geht um Anerkennung, Grenzsetzung, Wettkampf und Konkurrenz in der Familie. Das hat nichts mehr mit einfachen verhaltenstherapeutischen Maßnahmen zu tun.

Eine Klientin, von der ich bereits berichtet habe, kam wieder und ist voller Hoffnung, dass nun mit ihrem Partner alles anders wird. Sie hat sich wieder an der Uni eingeschrieben und weiß noch gar nicht, was da alles auf sie zukommt. Ich unterstützte sie darin, den Moment zu genießen und erarbeite mit ihr, wie sie für sich selbst sorgen kann.

Eine Unimitarbeiterin, die mit ihrer neuen Chefin immer mehr ins Straucheln gerät, reflektiert, dass sie Auseinandersetzungen vermeidet und fühlt sich zunehmend belasted. Sie ist fleißig in der Therapie und so voller Willen, ihre Ressourcen zu entdecken.

Die Managerin, die zur Vormediation bei mir war, hat ihre Teilnahme an der Mediation abgesagt. Sie will keine Schwäche zeigen und sieht es sowieso nicht als eine ihrer Aufgaben an, mitarbeiterorientiert zu leiten. Schade.

Die Konfliktbeauftragte der Uni, eine Rechtsanwältin, holt mich ins Boot, um diese vielen Manager und Professoren zu schulen, wie man mit Konflikten umgeht. Auf einmal tut sich ein Megaprojekt auf, worüber ich mich freue. Mein Chef gab mir eine High five (gib mir fünf auf die Hand), als er hörte, was schon auf den Weg gebracht wurde. Ich habe grünes Licht, Zeit zu investieren. Juhu, so habe ich auch durchgesetzt, monatliche Konfliktberatungen für diese Manager durchzuführen. Ein Ausgleich dafür, dass ich meine Kurse in Berlin für dieses Jahr absagen musste.

Wednesday, February 20

Kontakt

Nach einem entspannten Wochenende im Süden von Perth in der Magaret River Region sind wir am Montag wieder im warmen Perth eingetroffen. Es war eine gute Ablenkung nach wieder einmal einem traurigen Abschied von Thomas' Bruder und seiner Familie. Wir werden es nie lernen. ich werde es nicht lernen, einen Abschied ohne Tränen und Schmerz durchzustehen.

Das klassische Konzert auf dem Weingut Leeuwin war etwas enttäuschend. Denn es sangen zwei Opernstars den ganzen Abend, es drifte ab zu einer Entertainmentshow gemacht für die Älteren unter uns. Wir haben über uns gehen lassen, den Sternenhimmel beobachtet, guten Wein getrunken und beobachtet. Dieses Event wird nur einmal im Jahr dort gemacht. Es hat eine ganz besondere Atmosphäre und ähnelt der Berliner Waldbühne sehr. Nur etwas kleiner. das nächste Mal werden wir mehr darauf schauen, was Inhalt des Abends ist. Es ist eben nicht immer drin, was drauf steht.

So hat uns die Abwechslung gut getan und mittlerweile sind wir wieder mitten im Alltag. Mit einigen Überraschungen. Montag lag die Urkunde vom Board of Psychologists im Briefkasten, um mir nun zu bestätigen, dass ich meinen Spezialtitel als clinical psychologist tragen darf. Welch Freude durchströmte meinen Körper. Wieder eine so wichtige Hürde genommen. Auf Arbeit geht es sich gut, viele interessante Konfliktprojekte an der Uni stehen an, an denen ich mitarbeiten kann. Auch das freut mich und sorgt für Abwechslung im täglichen therapeutischen Alltag.

Heute durfte ich einer Buchlesung einer Aborigine beiwohnen, die ihre Lebensgeschichte veröffentlicht hat. Eine Geschichte, ihre eigene, über die Erfahrung als eine von vielen zu der stolen generation zugehörend. Sie signierte mir das Buch mit herzlichen Worten und drückte mich danach. Endlich komme ich dem näher, wonach ich schon lange Ausschau gehalten habe. Ermutigt bin ich dann zur Professorin und Leiterin der Aborigines Studies der Uni gegangen und habe um ein Gespräch gebeten. Natürlich nicht heute, aber die kommenden Tage. Sie gab mir ein Handbuch für Psychologen, die mit Aborgines zusammen arbeiten. Einfach so. Geschenkt. Ich sehe unserem Treffen entgegen und will mich vorbereiten, so viele Fragen habe ich. Vor allem Fragen zu deren Konfliktkultur. Spannend.


Tuesday, February 12

The big day

Zum ersten mal in der Geschichte Australiens entschuldigt sich eine Regierung bei den Aborigines. Ich dachte, dass das lediglich ein Ritual beim Regierungswechsel ist. Das stimmt aber nicht. Um so aufgeregter sind viele Beteiligte, wie, was und in welcher Form diese Entschuldigung formuliert werden soll und wie sie morgen aufgenommen wird.

Morgen, Mittwoch, ist der Tag, an dem Kevin Rudd diese Rede haelt und sich entschuldigt fuer die stolen generation.
In einer Tageszeitung habe ich gestern gelesen, dass 40% der Westaustralier diese Entschuldigung nicht unterstuetzen. Leider war dem Artikel nicht zu entnehmen, warum.

Es existieren viele Reaktionen entlang dieser Entschuldigung (uebersetzt von GetUp, Action for Australia) Beispielsweise:
Der Australier ist nicht verantwortlich und sollte sich nicht schuldig fuehlen.
Das mit der stolen generation gehoert der Vergangenheit an (eines der staerksten Argumente gegen die oeffentliche Entschuldigung).
Die Beteiligten dieser dachten damals, dass sie das Richtige tun.
Eine Entschuldigung macht Vergangenes nicht ungeschehen.
Das wird uns ein Vermoegen kosten.

Die Entschuldigung ist eine zentrale Empfehlung des Bringing Them Home (Bringe sie nach Hause) Berichts von 1997.

Saturday, February 9

The Price of Life

Ich hatte so einen Moment, als ich das erste mal 100 Dollar für eine Tankfüllung bezahlt habe. Ich fahre eine Limousine mit einem normalen Tank. So bin ich erschrocken. Okay vielleicht würde ein durstiger V8, 4rad angetrieben soviel kosten für diejenigen aus WA, die am Wochenende mal eben nach Dunsborough oder Eagle bay fahren, um sich zu erholen. Aber ein einfaches Stadtauto, dass 100 Dollar Sprit kostet?
Ich will gar nicht erwähnen, was das alles 30 Jahre früher kostete, aber es erinnert mich dennoch an die Zeit, als ich noch ein Fahranfänger war und mir der Gedanke niemals kam, dass ich wohl eines Tages 100 Dollar für den Sprit bezahlen muss. Wahrscheinlich hat nie jemand daran gedacht, dass das passiert.
1972 hatte ich einen grünen VW (Baujahr 66), der mich 750 Dollar gekostet hat, als ich ihn (oder besser meine Mutter) erstanden habe. Zu dieser Zeit habe ich 2 Dollar an der BP bezahlt, 11 cent pro Liter. Und nebenbei gesagt, hat dann noch jemand von der Tanke den Wagen aufgefüllt.
Mit diesem Wagen bin ich zum Pub gefahren, um dort 50 cent für einen Bierkrug zu bezahlen (verglichen mit dem heutigen Preis, 15 Dollar, die ich bezahlen musste, als ich einem Testmatch zugesehen habe). Und ich habe früher 40 cent für eine Zigarettenschachtel bezahlt. Vielleicht ist es ungerecht, auch nur den heutigen Preis von Zigaretten zu erwähnen.
Genauso stellt es sich mit Immobilien dar. Ich höre noch, wie ein Kollege von mir vor 10 Jahren erzählte, das er sich ein 1 Millionen Haus gekauft hat. Ich war total beeindruckt. Normale Familien hatten kein Haus mit sieben Räumen. Das hatte man nur in Zeitungen gelesen. Solche Häsuer waren was für Schauspieler, oder Großindustrielle, oder?
Heutzutage hebt man nur lässig die Augenbraue, wenn man hört, dass ein Haus 1 Million kostet. Es ist lange nicht mehr ein Palast, es ist einfach ein Haus in guter Lage. So ist es eben. Eines der Dinge, denen wir gegenüber immun werden bzw. geworden sind.
Also was passiert hier? Wir wissen alle über Zigaretten und Bier Bescheid - es hat was mit den Steuern zu tun. Aber Benzin?
Nein, ich bin kein konspirativer Theoretiker. Ich bin auch ziemlich gut im Verstehen der Inflation, Technologien und des Mangels. Aber diese Preissteigerung beim Benzin lässt mich überlegen, es hat nicht nur was mit dem Einbahn-Verkehr zu tun da draußen. Da sind auch noch andere Dinge, die heute weniger kosten als früher.
Mein erster Farbfernseher hat viel mehr als mein jetziger gekostet. Das Gleiche gilt für meinen DVD Player. Mein erstes Handy war außerordentlich teuerer, als das was ich jetzt habe.
Der Laptop, den ich 5 Jahre zuvor benutzt habe, kostete das Doppelte von meinem aktuellen Laptop. Gleiches gilt für den iPod.
Letzte Woche habe ich mal bei einem Gebrauchtwagenhändler reingeschaut und mir fiel sofort der grüne Volkswagen (66iger Baujahr) ins Auge. Der Gleiche, den ich mal hatte. Es war offensichtlich etwas aufgepeppt entsprechend den heutigen Erfordernissen, and die Kosten, es zu betanken würden den Kaufpreis nach ein paar Monaten weit überholen. Aber es war exakt der gleiche Wagen, und mit dem Preis von 750 Dollar, der gleiche Preis wie in 1972.
Ökonomie und Logik mal beiseite nehmend, ich kann mir nicht helfen, aber irgendetwas läuft schief.

heute im Magazin der Sunday Times gelesen


Friday, February 8

Öffentliche Entschuldigung

The stolen Generation - gestohlene Generation ist immer mal wieder Thema, wenn es um Fragen der indigen Bewohner Australiens geht. Es meint eine Zeit von ca. 60 Jahren im 20. Jahrhundert, in denen die Kinder von Aborigines einfach von zuhause abgeholt wurden und bei weißen Familien unter gebracht. Ohne ein Recht auf Erziehung und Entscheidung der natürlichen Eltern, sind ganze Familien auseinander gerissen worden. Australien hat sich nicht mit Ruhm bekleckert, doch war es zu dieser Zeit überzeugt, genau das Richtige zu tun.

Seit einiger Zeit hat Australien eine neue Regierung. Und es ist Tradition, zu Beginn der neuen Amtszeit eine öffentliche Entschuldigung auszusprechen. Sie tun sich schwer damit. Die Presse ist täglich voll vom aktuellen Stand des entsprechenden Entwurfes zur öffentlichen Rede. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie diese am Ende lauten wird. Der öffentliche Erwartungsdruck ist hoch, geforderte finanzielle Mittel zur Wiedergutmachung sind abgelehnt worden.

Gestern erreichte mich eine email auf Arbeit mit einem offiziellen Schreiben der Curtin Universität, meinem Arbeitgeber. Es ist ihnen gelungen in einem einseitigen Schreiben einen Beitrag zur Entschuldigung zu leisten und sich zu verpflichten, bisherige Projekte indigene Studenten zu integrieren, weiter zu führen. Damit hat die erste Universität Australiens ein Papier geliefert, das schwarz auf weiß Verantwortungsbewusstein zeigt. Eine Kollegin von mir arbeitet in dem Gremium mit, das dieses Statement erarbeitet hat. Sie war wirklich sehr stolz.

In einem Teil meiner Gedanken regt sich der Eindruck, dass es nur die Absicht war, schneller als alle anderen Unis zu sein. Und nicht die Überzeugung der eigentlich Botschaft. Das ist selbstverständlich eine bittere und, vielleicht, auch ungerechtfertigte Meinung. Es ist schwer, kontinuierlicher im Gespräch mit Australiern darüber zu sein. Das Thema ist präsent, aufgrund der demnächst folgenden öffentlichen Entschuldigung.

Wie lange wird es dauern, bis so etwas nicht mehr einer öffentlichen Entschuldigung bedarf? Wie lange wird es dauern, bis man es nicht erzwingen muss, sondern eine im Alltag verankerte Einstellung bei allen Australiern? Wie lange wird des brauchen, bis Gespräche über das "Oh, nein wechsle lieber die Straßenseite" hinaus gehen? Wie lange wird es dauern, bis die jüngeren Generationen kein schlechtes Gewissen mehr haben müssen, denn sie haben nichts zu entschuldigen. Oder doch?

Heute Abend wird das Perth Festival eröffnet. Die hier ansässigen Aborigines rufen auf zu Gemeinsamkeit und friedlichem Miteinander. Sie werden in der Minderheit vor der Mehrheit stehen, und sie hoffen immer noch auf ein Gutes. Im letzten Jahr waren wir dabei und mussten mit erleben, wie einige im Publikum lachten, und weniger ernst waren. Peter und der Wolf wurde damals im Anschluss gespielt. Nichts, was mit der einheimischen Kultur zu tun hat. Heute Abend soll ein Baum (Black boy tree) angezündet werden, ganz so wie in der Tradition der Aborigines, um ihn zum blühen zu bringen. Ein Zauber wird uns erreichen, der so schnell wieder vorbei ist, wie er gekommen ist. Übrig wird eine Erinnerung eines fantastischen Abends sein, bei dem auf dem Swan River französische Künstler ihr Können zum Besten gegeben haben.

Ich lasse mich überraschen.

Saturday, January 19

Stimmen sie noch?

Weit ab vom Geschehen der Welt genießen wir Bach, Haydn, Strauss und Co. Es hat Wohnzimmercharakter. Sie geigen und geigen. In der ersten Hälfte hat es den Anschein, dass sie niemals wieder aufhören wollen, so gleichsam spielten sie sich ein. Der Dirigent in blauer Jeans, in einem zu engem Frack und zu vollen Hosentaschen mit überladendendem Bauch gibt sich alle Mühe.

Die Frage kommt auf, warum ein Orchester überhaupt einen Dirigenten braucht? Die Violin Solisten spielen auf, wobei der eine seinen weißen Schwitzlappen lässig an der Violine kleben lässt, wenn sie beklatscht werden. Und sowieso aussieht, als ob er aufgrund von Fettleibigkeit gleich einen Herzanfall bekommt. Seine Hosen sehen aus, als ob sie bereits drei Tage getragen sind. Am rechten äußeren Rande sitzen zwei Musikerinnen, die sehr ernsthaft ihren Beitrag leisten. Ein Lächeln ist ihnen nicht zu entlocken. Sie wirken steif und ohne Freude bei der Sache.

Das Publikum ist alt, 80% älter als 60 Jahre. Eine Reihe vor uns sitzen Mama und Papa. Papa nickt ein und rollt ab und an den Kopf so komisch. Beim Aufrollen des Kopfes öffnen sich schnell die Augen. "Spielen die immer noch?" Ich muss schmunzeln und die Augen schließen, ansonsten würde ich losprusten vor Lachen. Meine Schwester von rechts fragt dann auch noch, ob ein Paukenschläger wohl auch so viel Gage bekommt, wie die anderen. Schließlich hat der ja nicht so viel zu tun.

Pause.

In der Reihe hinter uns unterhalten sich zwei Damen, die schon ganz verwirrt sind, weil die Programmabfolge der Stücke vertauscht wurde. Sie als Bachexperten hätten ja schon lange gemerkt, dass da was nicht stimmt. Peinlich, ich hab das nicht bemerkt.

Der Dirigent erscheint und spricht zum Publikum und wird damit sympathisch. Er spricht seine blaue Hose an und sorgt dafür, dass wir alle wissen, was gespielt wird und wann wir zu klatschen haben und wann nicht. Sind wir hier bei Loriot? Und dann macht er tatsächlich peinliche Ratespiele mit uns und fordert alle auf zu klatschen, wenn sie das Stück erkannt haben. Zum Glück drehte er sich nicht auch noch um und fragte, um welchen Komponisten es sich denn handelte. Glück gehabt. Und dann legen sie richtig los. Spielen energisch und fesselnd. Alte Köpfe wackeln hin und her. Walzertackte auf der kleinen Bühne des Güstrower Theater. Und zum guten Schluss der Radetzki Marsch. Jetzt ist auch der letzte in der hintersten Reihe aufgewacht.

Die Akustik hat was von Wohnzimmeratmosphäre, wobei die alle nicht in mein Wohnzimmer gepasst hätten. Selbst das Theater war zu klein, so dass der Männerchor zuhause bleiben durfte und das Programm umgestellt wurde.

Zum Stimmen sind sie nicht gekommen, und wir nicht zum zählen. Ein herrlicher Abend so weit ab von allem und so nah bei uns.

Friday, January 18

Die Kata

Heute vor einer Woche war ich bereits von Hamburg nach Güstrow unterwegs. Ich freue mich, hier zu sein, ohne Hektik und Verpflichtungen. Keine Arbeit, keine weiten Fahrten. Nur Familie und ein paar Freunde.

Die Zeit ist ausgefüllt und lässt viel Raum für Beobachtungen und Neuentdeckungen. Und auf einmal gefällt mir Güstrow wie nie zuvor.

Wenn da nicht immer wieder engstirniges typisch deutsches Verhalten meine Eindrücke trüben würden. In der Apotheke fragte ich beispielsweise nach bestimmten Ohrentropfen (wenn man Wasser im Ohr hat), die ich bereits in Australien gekauft und an mir ausprobiert habe. Hier bekomme ich einen Blick von oben, ich sehe geradezu wie die Dame hinter dem Schalter wächst und mir zu verstehen gibt, dass es so etwas nicht geben kann. Ohne ein weiteres Interesse, ohne ein weiteres Bemühen, um welches Zaubermittel es sich handeln könnte. Ohne die Suche oder das Angebot von Alternativen. Fertig waren wir und ich hatte eigentlich nichts anderes erwartet (dieses Verhalten hat nichts mit Güstrow zu tun, sondern mit einem generellen Benehmen im Servicebereich). Und ich kam mir sofort klein und dumm vor. So als ob ich gerade einem Harry Potter Buch entstiegen bin und unter einem Realitätsverlust leide. Ich habe noch einige Beispiele dieser Art, verzichte aber auf die weitere Beweisführung meiner Wertung.

Fairerweise habe ich dafür eine Begegnung mit einer Ärztin gehabt, die in mir ein vertrautes Gefühl weckte. Bewusst suche ich hier einen Facharzt auf, zu dem ich nur über das Halb tot sein in Australien vorgelassen werden würde (so jedenfalls mein aktueller Kenntnisstand). Und ich werde behandelt wie ein Star hier. Behutsam, umfangreich, zuverlässig und kompetent. Nun ja. Ich bin aber auch Privatzahler. Ganz sicher ist das eine andere Perspektive. Als Kassenpatient hätte ich vielleicht nicht so einen Check up bekommen.

Ansonsten urlaube ich und entspanne. Gestern fand ich mich auf einmal in einer Turnhalle wieder, die mitten auf einem Feld steht und im Dunkeln wirklich nur zu finden ist, wenn die Scheinwerfer des Autos groß genug sind. Es ist Karatekurs für Anfänger. Was ich dort tue? Ich sehe meiner Nichte zu, wie sie sich bemüht, diverse Koordinationen mit Armen und Beinen durchzuführen. Ich verstehe es nicht mal beim hinsehen und mein Selbstversuch scheitert bereits in meinen Gedanken. Als ich frage, ob ich zusehen darf, erhielt ich folgende Antwort: "Mitmachen ist die Divise. Schließlich ist man ja auch nicht nur halb schwanger." He? Ich denke, was ich mir da wieder eingebrockt habe und setze mich nach dem Ausziehen meiner Schuhe auf die Bank und rühre mich nicht mehr. Hoffend, dass ich nicht noch einmal aufgefordert werde, mich einzureihen und "Go" mitzuschreien. Ich habe Glück gehabt. Ich durfte sitzen bleiben und hatte auch so meinen Spaß.

Tuesday, January 8

Back home

Noch ganze drei Wochen bleiben, um mich zu erholen und mir Gutes zu tun. Thomas ist mittlerweile den zweiten Tag arbeiten und schwitzt schon beim Aufstehen. Der Sommer hat die Hitze nicht mehr im Griff. Und der Wind aus dem Westen kämpft gegen den aus dem Osten. Der Ostwind ist ziemlich warm und bläst wie ein Fön. Es ist ungeheuer lähmend und damit eine Herausforderung, das Haus kühl zu halten.

Unseren Urlaub auf Tasmanien haben wir sehr präsent. Im Moment erzählen wir täglich darüber, weil wir einiges an Mails bekommen, oder hier Freunde sehen, die ganz genau wissen wollen, wie es dort ist. Das hält die Erholung auf Trapp und wirft mich auf Gefühle zurück, die ich dort gehabt habe. Erstmalig habe ich so starkes Heimweh gespürt, weil mir alles so vertraut war. Ich habe sicher schon darüber geschrieben. Es war so intensiv, dass meine Träume beinahe jede Nacht von meinem Zuhause bestückt waren und in der Erinnerung ebenfalls sehr präsent sind.

So fliege ich also übermorgen nach Hause, um mein Bedürfnis nach meinem Familiennest zu befriedigen. Die Rückkehr von Tasmanien nach Perth war von Gedanken begleitet, wieso haben wir eigentlich Perth gewählt? Es gibt so viele interessantere Plätze auf der Welt. Hobart, beispielswiese; ist so viel lebendiger als Perth. Reicht die Lage von Perth am Indischen Ozean aus, um sich wohl zu fühlen? Und wo wird es hin gehen, wenn wir von Perth genug haben? Viele Fragen, ohne Antworten.

Zurück in Perth habe ich mich schneller wieder an mein Hierzuhause gewöhnt. Doch, es ist schön hier. Und ja, das Meer sorgt für Urlaubsstimmung, auch wenn der Alltag wieder präsent wird. Am letzten Wochenende haben wir eine Menge Spaß im Wasser gehabt. Und alle meine zweifelnden Gedanken über Perth waren verstrichen. Im Haus fühle ich mich wohl. Es ist wirklich schön. Doch immer ist dieser Gedanke, wie lange wir hier wohnen dürfen. Wird es bald eine Mieterhöhung geben? Und wenn ja, wieviel bereit sind wir zu zahlen? Oder müssen wir gar wieder Mitte des Jahres ausziehen? Ich mag daran nicht denken, dennoch rutscht es gerade immer mal in mein Bewusstsein.

Das Heimwehgefühl ist weniger geworden, als wir wieder hier waren. Für mich hat es auch damit zu tun, wie einfach es von hier aus, mit meiner Heimat im Kontakt zu sein. Das war in Tasmanien weniger möglich und hat ganz sicher Gefühle wie diese unterstützt.

Jetzt freue ich mich, wieder ein paar Tage in Deutschland zu sein. Am Freitag schon bin ich da und gespannt, wie es sich anfühlt. Damit bin ich erstmalig ein ganzes halbes Jahr von Deutschland weg gewesen. Viel länger kann ich es auch gar nicht aushalten.

Dennoch frage ich mich, ist der richtige Zeitpunkt? Einige meiner Liebsten haben runde Geburtstage, unser traditionelles Ostern, Weihnachten etc. Sollte ich nicht lieber warten, wenigstens bei einem dieser Ereignisse dabei zu sein? Ja, Weihnachten steht dieses Jahr für Familie in Deutschland. Das ist ziemlich klar und darauf freue ich mich. Doch, wenn ich jetzt fliege, sind es 11 Monate bis zu meiner Rückkehr. Im schlechtesten Fall. Ich beruhige mich damit, dass ich meine Sehnsüchte nicht planen kann und sie unabhängig bleiben müssen, von Geburtstagen und Ähnlichem. Manchmal schlüpft ein Gedanke hervor. Ist es zu egoistisch zu fahren, wenn mir so ist. Und dann nicht fliegen zu können, wenn es einen Anlass gibt? Es ist ein müßige Frage und kommt darauf, wann ich sie mir stelle.

Hin- und Hergerissenheit sind neue Begleiter meines Lebens. Und das Aushalten von Durststrecken ohne Wasser auch. Bis kurz vor der Vertrockung. Und dann muss ich eben egoistisch sein und trinken. Soweit ist es jetzt. Ich habe Durst und habe mir ein teures Wässerchen gekauft. Und ich weiß, wie köstlich es schmecken wird, wenn ich es trinken kann.

Sunday, January 6

General exam

Ein Anruf beim Zahnarzt zu einem Check Termin. Am Ende sagte uns die Rezeption, dass wir nun 450 Dollar zahlen müssen. Wir dachten, wir hören nicht richtig. Nur das Röntgen und das bloße Untersuchen der Zähne. Yep zur Kasse bitte. Unsere private Krankenkasse hat zum Glück einen Teil davon bezahlt. Nun haben wir jeder einen Behandlungsplan und wissen, was an weiteren Kosten auf uns zu kommt. Die Zahnärztin war wirklich sehr nett und wir hatten trotz der intensiven Untersuchung nicht den Eindruck der Abzocke. Sie hat alles mit uns besprochen und war sehr interessiert an unseren bisherigen Behandlungen.
Keiner hat mir geglaubt, doch jetzt habe ich den Beweis. Auf dem Röntgenbild meines Gebisses war ein Zahn zu sehen, in dem ein langes Stäbchen steckt. Das ist mein Kindheitstrauma, verursacht durch eine spritzen- und damit betäubungslose Wurzelbehandlung im Kindesalter. Die Zahnärztin sagte, sie wüßte nicht, was das ist. Und sie möchte da auch nicht ran, solange ich keine Schmerzen habe. Touch wood.

Mitbringsel aus Tasmanien



















TASMANIA

Tasmania

Unter dem Bild könnt Ihr Euch die Bilder unserer Reise ansehen. Mittlerweile kann man sogar auf die Tasmanien Landkarte gehen und sehen, wo wir die Bilder gemacht haben. Für ganz Fortgeschrittene kann man das auch in Google Earth runter laden.

Gestern habe ich die ersten Links per Mail verschickt und bekam als Frage zurück, ob in Tasmanien Winter war. Nein, auch wenn es teilweise so aussieht; es war kein Winter! Dennoch sind die Temperaturen in Tasmanien andere als in Perth. Wir hatten wohl im Schnitt um die 22 Grad. Grundsätzlich ist das warm genug. Doch wir haben auch gemerkt, dass wir verwöhnt sind vom Perther Wetter.

Mit unserem Campervan haben wir Tasmanien einmal grob umrundet und sind ca. 2000 Kilometer gefahren. Aus heutiger Sicht, ist Tasmanien ein Muss. Zumindest für diejenigen, die in der Nähe leben. Was für eine wunderschöne Insel. Ich hätte am liebsten jeden Winkel geknippst, um meiner Erinerung nichts entgehen zu lassen. Letztendlich haben wir an die 700 digitalen Fotos, zwischen denen ich für das Album auswählen konnte. Das zu entscheiden, ist nicht immer leicht. Es gibt einen extra Reisebericht mit powerpoint gemacht. Den können wir nicht online stellen, sondern nur auf CD brennen, und verschicken.
Auf der Mappe sind die Strecken eingezeichnet, die wir jeweils gefahren sind. Auf den ersten Blick wird ersichtlich, wieviel noch übrig geblieben ist.

Tasmanien hat ca. 500.000 Einwohner. Hobart ist die Hauptstadt von Tasmanien. 48.000 Einwohner. Höchster Berg: Mt Ossa 1600 Meter (Cradle Mountain, 1500 Meter hoch). Temperaturen: zwischen +40 und -13 Grad.

Tierische Besonderheiten: Tasmanian Crayfish (größter der Welt, kommt nur in Tassie vor, lebt in Flüssen, wird bis zu 3 kg schwer und kann durchaus einen Meter lang sein; Farbe: schwarz); Tasmanische Schlangen sind alle giftig (wir haben eine aus dem Auto gesehen); den Tasmanischen Teufel gibt es immer noch (ich habe ihn lediglich mal in einem Perther Wildlife Park gesehen); Tasmanischer Tiger (ist lange ausgestorben); Wombats haben wir viele gesehen (zuerst überfahren am Straßenrand, dann lebendig und ziemlich nah); Kängurus (gibt es zwei Arten; beim Wandern konnten wir einige sehen)

Hobart hat uns sehr gut gefallen. Eine Stadt, die lebendiger als Perth ist. Beide Städte haben das Glück am Wasser zu sein. Und beide Städte haben dieses Potenzial unterschiedlich genutzt. Im Vergleich hat Hobart da einen deutlichen Vorsprung, was Architektur, Nutzung der Lage, historischen Bauten etc. anbelangt. Hobart wirkt wie eine Hansestadt mit Flair und frischer Meeresluft.

Tasmanien vereint viele unterschiedliche Landschaften und ist damit sehr kontrastreich. Wahrscheinlich habe ich deshalb auch zum ersten Mal so richtiges Heimweh bekommen. Es ist dem Europäischen ähnlich (ein bißchen Norwegen, Schweden, Mecklenburg), hat was von Canada und Kalifornien (sagt Thomas, denn in Kalifornien war ich noch nie).

Der Flug von Perth nach Tasmanien über Sydney war recht nervig. Wir hatten bereits in Perth Verspätung und kamen somit in Sydney später an. Da in Melbourne an diesem Tag (20Dec) Unwetter war, haben wir unseren Anschlussflieger in Sydney zum Glück nicht verpasst. Denn auch dieser war verspätet. So kamen wir um Mitternacht in Hobart an (sind um 13.25 in Perth mit dem Flieger los!), dann schnell noch mit dem Taxi in die Lodge. Schlafen, Frühstücken und ab auf die Tasmanische Road. Am 21 Dec haben wir den Campervan abgeholt, bepackt (wir hatten so viel dabei, als ob wir eine Weltreise machen wollten), eingekauft und sind Richtung Norden entlang der Ostküste. Erstes Ziel war die Wineglass Bay (einer der 10 schönsten Strände der Welt). Wettertechnisch ahnten wir jedoch, dass wir wenig Glück mit dem Ausblick auf die Bay haben werden. Schlussendlich war es auch so. Auf unserer 5 Stunden Wanderung im Freycinet NP haben wir die Wineglass Bay gesehen, sind am Strand gegangen, haben von oben drauf geschaut etc. Einig darin, dass es so viele schöne Strände gibt und etwas verwundert, warum gerade diese Bay zu den Schönsten der Welt gehört.

Unseren Heilig Abend haben wir wie 2006 auf dem Campingplatz verbracht. Thomas hat sich einen Hummer gegönnt (ist das rote Etwas im Album mit dem Preisschild drum herum). Ich hatte beim Zugucken zu tun, dass ich nicht erbreche. Denn er musste diesen Hummer selbst zerlegen.

Alles Weitere kann man den kurzen Bildunterschriften im Album entnehmen.

Zusammenfassend war dieser Urlaub einer der Schönsten. Und Tasmanien läuft Canada beinahe den Rang ab. Wir werden wieder dorthin reisen. Irgendwann. So viel gibt es noch zu entdecken und zu machen.

Noch was Wissenswertes zum Schluss: Tasmanien heißt Tasmanien, weil es von Abel Tasman im 17. Jahrhundert entdeckt wurde. Außerdem war es mal mit dem Festland Australien verbunden. Von den Europäern aber erst im 19. Jahrhundert besiedelt.

Tuesday, January 1

Thursday, December 20

Auf nach Tasmanien

Die Rucksäcke sind gepackt. Wahrscheinlich wieder zu viel. Aber man weiß ja nie. Denn das Klima ist wechselhaft. Im Moment sieht es so aus, als ob uns leichter Regen in Hobart erwarten wird.
Unser Flieger geht um 12.55 mittag, den online check in haben wir schon gemacht, so dass wir uns nicht stressen müssen. Thomas ist noch schnell zum Friseur. Und ich? Was mache ich wohl? Noch einmal saugen, aufräumen. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.
Das Schweizer Weltenbummler Paar zieht morgen in unser Haus und hütet es, bis wir wieder kommen. Na, dann kann es ja los gehen.


Wir wünschen allen frohe Weihnachten, wie auch immer jeder Einzelne es auf seine Art verbringen mag. Passt auf Euch auf und rutscht gut ins neue Jahr.

Monday, December 17

Jahreszeiten

Während der Frühling in den Endzügen hier liegt, zeigt der Herbst in Deutschland schon seine winterliche Seite und stimmt alle ein. In den Winter. In Australien steht der Sommer bevor. Und im Moment hat es eher den Anschein, als ob es Winter hier wird statt Sommer. Regen. Wolkenbedeckter Himmel. Frischer Wind mit der Neigung zu Stürmen. Ungewöhnlich; wie wir lesen und hören für diese Zeit in Australien. Letztes Jahr war es wesentlich heißer und wärmer um diese Zeit. Auf das Wetter war ja noch nie wirklich Verlass. Doch bisher waren zumindest die Wochenenden warm. Seit einiger Zeit passiert selbst das nicht mehr. So haben wir den dritten Advent in deutschlandähnlicher Stimmung verbracht. Hatte auch was, so konnten wir im Lichte der Kerzen kuscheln, Bücher lesen und Musik hören. Die vier Jahreszeiten stimmen uns ins Wochenende und rufen in mir zum ersten Mal richtiges Heimweh hervor. Ja. Jetzt zu Hause sein. Das wär was.

Die Aufregung der letzten Tage, weniger gute Neuigkeiten aus der Heimat von der Familie haben sich zum Glück wieder aufgelöst. Es scheint immer mal wieder eine Art Probe zu sein, wie lange ich das aushalten kann. Eine neue Rolle begleitet mich . Früher wäre ich, egal wie spät, nach Güstrow gefahren. Heute muss ich einen klaren Kopf bewahren, mich darauf verlassen, mit Informationen auf den aktuellesten Stand gehalten zu werden. Dennoch. Warten. Warten. Und die Ungeduld beginnt einen Nervenkrieg. Ohnmacht gesellt sich dazu. Ein wirkliches Gefühl, als ob mir die Hände gebunden wären. Angst ist der Reißverschluss und schließt das neue Kleid. Und die Panik sorgt dafür, dass das Kleid nicht passen kann.

Wieviel es ausmacht, schlechte Nachrichten zu erhalten. Das Klingeln zu ungewohnter Zeit. Ruhige klare Stimme exakt erklärend was passiert ist. Es hat mir geholfen, Ruhe zu bewahren. Danke Sister! Und dann entsteht eine ungewöhnliche Phase. Stille. Die Ohren aufs Höchste geschärft. Hat es da eben noch einmal geklingelt? Das Telefon nicht mehr verlassen, es zumindest in Sichtweite haben. Nicht aus dem Haus bewegen. Zu wichtig, was ich verpassen würde. Und dann kommt es dann, das lang ersehnte Klingeln. Weniger Ruhe, mehr atemlos und sehr traurig. Ich kann nicht durch das Telefon schlüpfen, ich kann Dich nicht in den Arm nehmen, ich kann nicht neben Dir sitzen, ich kann nicht einfach da sein. All das und wesentlich mehr waren Begleiter meiner Gedanken. Soll ich einen Flug buchen, oder noch warten? Wie lange soll ich warten? Wissend, dass es im Moment beinah aussichtlos ist, das Land zu verlassen, weil alles ausgebucht ist. Das Telefon. Ja ich rufe jetzt selbst an im Krankenhaus. Und endlich die mir vertraute Stimme. Alles ist gut und wird wieder besser. Erste Entwarnung aus der Ferne. Und dann noch ein Anruf. Auch da hat das Daumen drücken und das Schicken guter Gedanken geholfen. Erleichterung schlüpft in meinen Körper. Jetzt erst einmal lange ausatmen.

Mittlerweile ist alles wieder so, wie es in der Regel ist. Jeder ist wieder an seinem Platze. Zu Hause. Alle wieder auf dem Damm und keine weiteren schlechten Nachrichten.

Zur Entspannung hören wir Vivaldi. Den Blick nach draußen gerichtet und alle Bilder im Kopf, die zu dieser Jahreszeit gehören. Die Augen haben es schwer, das Wasser zu halten. Ihr fehlt mir!


Friday, December 7

Worte am Meer

Die Zeit vergeht, weiterhin schnell. Mein Rhythmus ist so ganz anders, als wenn ich täglich meiner Arbeit nachgehen muss.
Wenn ich erwache, ruft der Gedanke an den frisch gemahlenen Kaffee mich aus dem Bett auf die Terrasse. Mit diesem die Emailpost lesend, oder auch nicht. Denn nicht viele schreiben kontinuierlich. Wie auch. Wir haben alle andere Rhythmen und Prioritäten. Meine ist dieser morgendliche Beginn, von dem ich nicht abweiche. Egal, ob ich zur Arbeit muss, oder frei habe. Meine Freiheit hält mich auf Trabb. Jeder Tag will genutzt werden. Ich muss mich nicht quälen, aus dem Bett zu kommen, wenn die ersten Sonnenstrahlen durch die Jalousie dringen. Nein, ich begrüße sie und freue mich auf den neuen Tag. Nach allen gelesenen Neuigkeiten geht es in die sportliche Garderobe und ab ans Meer. Jeden Tag zeigt es sich in unterschiedlichen Farben. Je nachdem, zu welcher Zeit ich es schaffe, dort zu sein. Ein Türkisblau empfängt mich, wenn ich sehr früh meinem läuferischen Drang nach gehe. Manchmal ein dunkles Blau, wenn ich doch etwas länger Mails gelesen oder geschrieben habe. Es ist ein Genuss, entlang am Meer zu joggen. Den Blick auf die ersten Surfer lenken, das Gehör auf den fliegenden Hubschrauber zu spitzen, die Gedanken auf das Innere zu fokussieren.
Abends am Meer endet der Tag. Ein letzter Spaziergang noch, Eintauchen in die Wellen, wenn sie den Sand streichen. Wärmer als die Luft. Zur Zeit. Tut es den Füßen gut, sich zu bewegen und zu spüren. Unterschiede zwischen warm und kalt, weich und hart. Zauberhafte Muscheln sammeln. Hier und da. Heute erstmals wieder das Gefühl von Urlaub. Wir gingen so. Am Strand. Dem Wind entgegen. Es ist wie Urlaub. Nein, wir sind nicht im Urlaub. Wir leben hier. Und wir wissen, dass es irgendwann so anders sein wird. So wie hier wird es nicht wieder sein.
Und deshalb genieße ich jeden Moment bewusst. Ich weiß nie, wann er zu Ende ist.

Saturday, December 1

Der erste Advent

steht vor der Tür.

Und in den Geschäften hier ist kein Reinkommen mehr. Alle kaufen Weihnachtsgeschenke, so als ob es morgen schon so weit ist, oder es morgen nichts mehr gibt. Weihnachten. Bedeutet, dass wieder ein ganzes Jahr vergangen ist und sich dem Ende neigt. Menschen rücken näher zusammen, verbingen so manche nette Stunde miteinander. Oder genießen die Abende bei einem schönen Glas Rotwein, einem Gespräch, oder einem Buch, oder mit sich selbst.

Ich will auch. In Weihnachtsstimmung kommen. Wie geht das nur bei so viel Sonne und warmen Temperaturen. Überhaupt nicht so, wie ich es kenne. Anders, so anders. Das es schwierig ist, überhaupt ein Gefühl in die Richtung zu entwickeln.

Ein Gefühl ist jedoch präsent, nämlich die Sehnsucht nach Zusammensein und das Empfinden von Zugehörigkeit. Meine Familie fehlt mir. Und ich weiß, wenn wir dieses Christmas auf einem Campingplatz in Tasmanien verbringen, wird sie mir noch viel mehr fehlen.

In unserem Haus steht nun ein sommerliches Adventsgesteck, das ich gerne dekoriert habe. Es sieht dennoch so aus, als das es zu jeder Zeit dort stehen könnten. Die Sträucher haben nichts mit einer Tanne oder ähnlichen Gewächsen zu tun. Die Kerzen machen es eigentlich zu dem, was es bedeuten soll. Und morgen wird die erste angezündet. Gnadenlos. Ich freue mich schon darauf.

Morgen backe ich Plätzchen, dann kommt auch der Duft, der zu dieser Zeit gehört. Der Geschmack kommt von alleine. Tintentod, ein Buch das ich kürzlich bekommen habe wartet darauf in die Hand genommen und von den Augen gelesen zu werden. Etwas Märchenhaftes also noch.

Meine freie Zeit will ich nutzen, um unsere bevorstehende Reise vorzubereiten. Es ist Hochsaison überall auf der Welt, auch hier. So kommen wir nicht umhin, einige Campingplätze vorzubuchen, wenn wir uns nicht den ganzen Tag mit dem Suchen nach solchen beschäftigen wollen. Beim Durchblättern diverser Lektüre zu Tasmanien steigt die Vorfreude.

Saturday, November 24

Machtwechsel

Australien hat gewählt. Für einen Machtwechsel. Gegen einen seit 11 jahren amtierenden Howard und seiner Partei. Kevin Rudd heisst der neue und ist mit 50 Jahren zum ersten Mal in seinem Leben in einem Amt, dass ihn als Führungspolitiker handeln lässt.

In Australien besteht Wahlpflicht. Wer dieser beim ersten Mal nicht nach kommt muss 250 Dollar zahlen, und wenn ihm das bei der erneuten Verletzung seiner Wahlpflicht noch einmal passiert, dann kann es auch eine Haftstrafe geben.

Das ist der sechste Regierungswechsel seit dem zweiten Weltkrieg. Howard (lLiberals) hat sogar in seinem eigenen Landkreis verloren. Das ist einem anderen 1929 mal passiert. Er hat seine Abschiedsrede fair und ohne Groll gesprochen. Seine Frau, Söhne und Schwiegertochter standen neben ihn. Ein ungewohntes Bild. Auch Rudd (Labor) hat seine Antrittsrede mit seiner Familie neben ihn, zwei Söhne, eine Tochter und der Schwiegersohn, gehalten. Auch er hielt keine Schimpftiraden.

Nun soll es in die Zukunft gehen. Ob das nun was mit einem Regierungswechsel zu tun hat? Man kann sie ja sowieso nicht vermeiden. Nein, es soll besser in der Zukunft werden. Den Wirtschaftskurs von Howard will er weiter verfolgen, denn die Arbeitslosigkeit ist auf einem Rekordtief. Bildung, Klimaschutz, Abzug der Soldaten aus dem Irak, Haltung zur USA sind die Schlagworte.

WESTAUSTRALIEN
Die Liberals haben mehr Stimmen bekommen als die Labor! Dabei haben Labor und die Grünen mehr Stimmen bekommen, als bei der letzten Wahl. Die Liberals verloren ein paar Stimmen.
Aktuell: 3 Sitze für die Liberalen, zwei für die Labor, eine für die Grünen. Bei einer bisherigen Stimmzählung von ca. 72 %.

In Tasmanien und in der Hauptstadt haben die Grünen über 13% bekommen. Ansonsten hält sich wie bei uns in D. Zwei große Parteien liefern sich ein Rennen und dann folgt der Rest. Irgendwo.

Gewartet wird auf das endgültige Ergebnis. Denn es sind noch längst nicht alle Stimmzettel gezählt, die per Briefwahl eingegangen sind. Am Gesamtergebnis für Australien werden sie kaum was ändern. Aber in den einzelnen Bundesstaaten könnten sie evtl. noch einen Einfluss auf einen Prozentpunkt mehr oder weniger haben.



Wednesday, November 14

Final sessions

Mein Terminkalender lichtet sich und damit bin ich mitten drin im Abschließen diverser "Fälle".

Die Therapie von Esstörungen habe ich heute meinen Kollegen in einem Vortrag mit neuesten Ansätzen vermittelt. Abgehakt. Ein Workshop noch, dann packe ich mein Büro ein, bevor ich mein neues (aber erst in zwei Monaten) wieder beziehe.

Der Abschied von Klienten, die ich 10 Sitzungen begleitet habe, fällt mir nicht leicht. Es ist zu spannend, was sich da alles bei den Klienten bewegt hat und wie sie sich nun ohne Unterstützung durch ihr eigenes Leben kämpfen müssen. Ich würde gerne Mäuschen spielen und so naiv bin ich nicht, dass sie nun "geheilt" auf alle Ewigkeit sind.

Ich bin zufrieden mit den finalen Sitzungen. Es gibt einiges an Fortschritten. Und vielleicht werde ich die ein oder den einen nächstes Jahr wieder sehen. Die Aufarbeitungen am Ende zeigen teilweise einen Verlauf, der mir während der Sitzungen nicht so bewusst war. Was für Lebensgeschichten sich dahinter verborgen haben. Und letztendlich handeln sie alle vom Umgang mit dem vermissten Glück, den traurigen Lebensphasen, oder Brüchen.

Wie es in meinem Leben auch passiert. Der Umgang mit fremden Gefühlen. Der Umgang mit Trauer. Der Umgang mit einem Lebenswechsel. Der Umgang mit Oberflächlichkeit. Der Umgang mit Einschränkungen. Der Umgang mit der Ferne. Der Umgang mit dem Hier. Und der Umgang mit der Zukunft. Und was ist mit der Vergangenheit?

Leben ist ein Geschenk, dass ich nur auszupacken verstehen muss. Manchmal zerbricht es schon, wenn ich am Faden ziehe, um es aufzumachen. Oder das Papier beginnt zu reißen. Der Klebstoff bleibt hängen. Die Enthüllung kann überfordernd sein. Muss ich mich bedanken, wenn es mir gerade nicht gefällt? Kann ich es zurück geben, wenn ich es nicht haben will? Oder kann ich es gerade verstecken, wenn es nur mir gehören soll? Ein Geschenk, dass mir unterschiedlich bedeutsam und wertvoll erscheint. Je nachdem, von welcher Seite ich es betrachte. Und es birgt immer wieder eine Überraschung. Wenn ich weiß, wie ich es wenden kann.

Es vebindet, oder trennt. Macht mich einsam, oder zweisam. Als Symbol ist es mitunter nicht fassbar. Oder es ist nicht zu tragen, weil es zu schwer ist? Wenn ich es teile, kann ich mich mehr oder auch weniger freuen. Wenn ich es nicht will, weiß ich nicht wie ich mich davon trennen kann. Wenn ich es halten will, weiß ich nicht wie. Schaue ich von oben drauf, weiß ich nicht was darunter ist. Schaue ich von der Seite hin, weiß ich nicht was dahinter ist.

Und schaue ich egal von wo, weiß ich immer noch nicht was drinnen ist. Groß kann es ein und so winzig im Inneren. Winzig kann es sein und doch so groß, dass es nirgendswo rein passt.

Passt es zu mir, oder zu dem, von dem ich es bekommen habe? Gelingt es mir, es zu meinem Eigen zu machen? Frage ich mich, wie ich damit umgehe, wenn ich mich dafür entschieden habe? Wenn ich mich dagegen entschieden habe, kann ich es dann nicht mehr zurück bekommen? Oder nur in abgewandelter Form.

Verstaubt es, wenn ich es nicht berühre? Oder zerbricht es, wenn ich es täglich anfasse. Kommen mir lauter Einzelteile entgegen, oder ist das Ganze so groß, dass ich nicht weiß, wo ich beginnen soll? Bin ich gelangweilt, wenn es offen ist und vermeintlich alles raus ist? Bin ich gefordert, wenn ich einen Rest verstecke?

Ist es das Finale das, wenn ich entkleide, oder, wenn ich es wieder einstecke? Bekomme ich das Gleiche, wenn ich es wieder raushole?

Das nehme ich von den Abschieden mit und beschäftigt mich in diesem Zusammenhang. Ich bin erleichtert, wieder in alle Richtungen sehen zu wollen.




Tuesday, November 13

Gebrochenes Herz

und Traurigkeit über einen schmerzenden Verlust.

Ich schicke Dir gute Gedanken. Wohin? Vielleicht in den Himmel. Vielleicht in ein neues Leben. Vielleicht zu Deiner Seele.

Du wirst uns erhalten bleiben. In einer Form. Die wir nicht wirklich verstehen. Aber fühlen. Unsere Erinnerungen und Gedanken lassen Dich weiter bei uns sein. Wo auch immer Du jetzt bist.



Unser Kontakt ist rar geworden. Doch das verbundene Gefühl zu Dir, meiner Lieblingstante, ist immer da gewesen. Sorglos bis heute. Traurig ab jetzt.

Dein Herz war gebrochen, einmal mehr über den nicht lange her schlimmen Verlust. Wenn ein Kind vor der Mutter geht. Dann kann das Warum niemals beantwortet werden. Nun bist Du ihm gefolgt und hast ihn hoffentlich wieder in Deinen Armen. Ich wünsche es Dir.

Meine Karte hat Dich nicht mehr erreicht. Sie hätte nichts geändert. Aber mir wäre leichter, wenn wir ein letztes Mal auf diese Art im Kontakt gewesen wären.

Ich wünsche Dir ein Meer von Blumen, eine unendlich wirkende Ruhe. Und. Sorglosigkeit.

Über Nacht ändert es sich. Das Leben. Es nimmt Abschied, ohne dass er sich angekündigt hat. Plötzlich und unerwartet sind Deine Nächsten geschockt und stehen vor der schwersten Aufgabe des Lebens. Trauern und einen Verlust bewältigen, der niemals wieder ausgeglichen werden kann.

Vielleicht weisst Du gar nicht, dass Du meine Lieblingstante warst. Ich habe es Dir nie gesagt.

Du, mein Lieblingsonkel, ich schicke Dir all meine Anteilnahme. Sie wird Dich nicht trösten. Ich umarme Dich dennoch aus der Ferne. Und lass Dich wissen, dass Du mein Lieblingsonkel bist.

Eingebrannt seid Ihr beide in meinem Kopf und so eng verbunden mit meiner Kindheit. An die ich mich sonst nur sehr schlecht erinnern kann.

Lass Dich stützen, an den Abenden und Nächten bist Du allein genug! Sei gewiss, dass viele Deiner engsten Verwandten und Freunde bei Dir sind.

Schwitzen bei über 39 Grad

und heißem Wind. Der Temperatur Regler ist abrupt umgesprungen und bescherrte uns in den letzten Tagen überaus heißes Wetter. Lange ersehnt, von Wolken und Regen befreit zu werden, ist das dann schon wieder zu viel. Das Gestöhne geht bereits los.

Die flimmernde Hitze lässt alles erlahmen, Bewegungen außerhalb klimatisierter Räume werden zu sportlichen Ereignissen, wenn man das ausgeschwitze Wasser auf der Haut interpretiert. Schwitzen ohne Sport und ohne Anstrengung. Wer noch denken kann, weiß das man nicht stolz auf sich sein muss.

Am gestrigen Abend dann der plötzliche Umschwung der Windrichtung, die die lang ersehnte frische Briese zu uns trägt. Ein Aufwind, der mich atmen lässt und raus lockt. Jetzt ist es wirklich möglich, sportlichen Dingen nachzugehen.

Aufgerafft und am Meer den Tag ausklingen lassen. Was für ein herrliches Gefühl. Beim Laufen denke ich an Reaktionen eines meiner Blogs und an unsere Zeit, als wir her gekommen sind. Wir haben uns gerade in den ersten Wochen immer wieder gefragt, wo wir sind. Und wir haben geantwortet: In Australien. Ein Strahlen begleitete diese Worte und es ist immer noch da!

Und es hat immer noch eine große Bedeutung für mich. Ich in Australien. Und irgendwie erscheint es nicht mehr so weit weg von der Heimat. Ein gutes Gefühl. Das Leben bekommt einen Rhythmus. Und ich freue mich wahnsinnig auf meine freien zwei Monate.

Ich bin in Australien. Vor zwei Jahren war das irgendwie noch unvorstellbar, obwohl wir zu dieser Zeit schon wieder mit dem Gedanken gespielt haben, diesen mutigen Schritt zu wagen. Jetzt ist das unsere Geschichte, die ihren Lauf nimmt.

Und liebe Blogfans. Traurigkeit gehört zum Leben. Sie auszudrücken ist nicht gerade einfach. Und es macht einen manchmal noch schwerer, wenn man sie dann ausdrückt. Aber es hilft und ist für mich ganz wichtig. Weiß ich doch, dass danach auch immer wieder Glücksgefühle präsent sind.

So bin ich traurig, dass Thomas nicht hier ist und freue mich schon auf den Abend, wenn ich ihn wieder abholen kann. Das hilft mir, die Zeit zu überbrücken und in mich hinein zu lauschen. Ich kann mich wohl nicht daran gewöhnen, alleine zu sein. Das ist mir deutlich geworden. Alleine, ohne Dich.

Das Leben ist eine Herausforderung und geht nicht irgendwie so. Es hat alles eine Bedeutung und neben der gelebten Leichtigkeit auch eine Schwere. Ich bin froh darüber, diese Spannung zu erleben und zu erkennen. Und nicht einfach so dahin zu schwimmen.

Ich will hier jetzt nicht Schadensbegrenzung zu meinem Blog (ein paar vorher) vornehmen. Alles, was ich geschrieben habe, drückt mein Dasein aus. Und das gehört zu mir. Ich habe es abgewehrt, über 37 Jahre lang und es gefunden, als ich 38 wurde. Die Zeit zum Aufarbeiten und Anerkennung will genutzt werden. Und ich will es nutzen, um fest zu halten, dass ich nicht mein ganzes Leben oberflächlich war. Mein Nach vorne sehen hat mich abgelenkt, von meinem Blick nach innen. Ich bin noch ungeschickt, das zu tun und deshalb wohl im Beschreiben extrem. Letztendlich ist es aber ein Extrem für mich. Und es trifft diesen Lebensabschnitt, für den Thomas und ich uns entschieden haben. das Leben bleibt eine Herausforderung. Manchmal ist alles wie eine Geburt. Und die passiert nicht immer in Sekunden, oder Stunden.

Noch 9 Tage bis ich frei habe und noch 12 Tage, bis Du wieder hier bist.

Sunday, November 11

Weintrauben

Unwichtiges aus dem Lande der australischen Bevölkerung. Trotz schlechter Ernte liegen die Weintrauben zum Kaufe in den Obstständen aus. Bevor wir zugreifen sehen wir lieber auf den Preis. 24,95 Dollar das Kilo! Die Kirschen, die frohlockend im roten Mäntelchen ein Platz daneben haben, können das als einzige Frucht toppen. 34, 95 Dollar.

Eine ganz kleine Traube schafft es an die Kasse und wird befreit für ca. 6,30 Dollar. Doch nicht lange. Mittlerweile ist sie bereits vertilgt. Und nun heißt es Warten auf bessere Zeiten und Preise.

Draußen haben wir 32 Grad, für heute stehen 38 Grad auf der Temperaturvorhersage. Der Wind ist sehr warm und vermittelt das Gefühl eines ständig laufenden auf Höchststufe gestellten Fön. Drinnen ist es doch angenehmer. Doch hier sitzen und raus zu sehen, macht ein schlechtes Gewissen. Draußen reichen 10 Minuten, um wieder in den Schatten zu gehen. Und so schlage ich mich zwischen ja/nein am Sonntag durch die Zeit. Es ist ja nicht der einzige Tag, an dem es warm ist. Die Woche wird so bleiben. Juhu.

Thomas friert in Berlin und wärmt seine Seele bei Freunden. Stabiler Faktor in Berlin und zuverlässig wie immer, sind unsere Exnachbarn. Ach wie toll, dass es sie (dass es Euch) gibt. Eine SMS aus Berlin signalisiert dennoch Freude, wieder nach Perth zu kommen. Wer schon einmal hier war, weiß warum.

Unsere Untermieter haben sich gut ein gelebt und ich bin froh, dass sie hier sind. Es ist wirklich bezaubernd mit anzusehen, wie sie sich mit allem Neuem auseinandersetzen müssen, vom Haus mieten, über Bank, hin zur Versicherung. Für mich ist das schon lange her und es frischt so manche Erinnerung auf.

Mittlerweile haben wir wieder acht Stunden Zeitverschiebung, was den Kontakt zur Heimat nicht einfacher macht. Nach vielen Tlefonaten in der vorletzten Nacht war ich morgens vollkommen durcheinander und wusste nicht mehr, wann ich mit wem telefoniert habe. Es ist verwirrend.

Im Hintergrund wirbelt die Waschmaschine die Sachen umher und versucht dabei auf dem Boden zu bleiben. Mein Blick geht auf unsere überdachte Terrasse nach draußen. Mein Kopf ist schon wieder vorauseilend in Gedanken und mein Körper macht sich schwer. So werde ich wohl in diesem Sonntag verweilen, mit diversen unterschiedlichen Hintergrundgeräuschen und morgen meine letzten zwei Wochen an der Uni beginnen.




Friday, November 9

Wenn alle kommen

Klient, 45 Jahre alt, Australier, Vater. Von einem 11jährigen Sohn, geschieden, mit einer neuen Partnerin lebend, ist ein Quäker (weltweite Organisation, die sich für Menschenrechte etc. einsetzt), kommt zum zweiten Mal, ist durcheinander, und fühlt sich in einer Falle. Sein Sohn hat mit ihm und seiner neuen Partnerin zusammen gelebt, nachdem es bei der Mutter nicht mehr ging. Mit der neuen Partnerin und dem Sohn geht es aber auch nicht. Sie hat ihn physisch verletzt, so sagt zumindest der Sohn, und ging zur Mutter zurück. Die Mutter fährt alle Geschütze auf und hat dem Gericht bereits ihren Report abgegeben. Die Child Protection klopft an der Tür, jetzt wird es schwierig, einen guten Weg zu finden. Die Beziehung zwischen Sohn und Vater ist belastet. Der Sohn wirft dem Vater vor, ihn im Stich gelassen und dieser Bitch (Hexe) überlassen zu haben. Der Vater weiß gar nicht wie er sich verhalten soll und hat jetzt erstmalig Symptome eines Asthma entwickelt. Die Luft zum Atmen ist begrenzt, der Husten kommt unangemeldet. Was will er, der Vater, und wie. Wie kann er zu sich selbst finden und wie diese Situation lösen. Ausziehen und seine Partnerin verlassen, mit dem Sohn eine neue Unterkunft suchen, das ist nicht bezahlbar. Ihn nur sehen, wenn der Sohn ihn eben braucht und mal anruft, ist auch nicht die beste Lösung. So viele Fragen. Mediation ist organisiert, viele unterschiedliche Service sind in Gang gebracht.

Sie hat Angst vor ihren Prüfungen, schon vier Wochen, nachdem die Termine raus sind, beginnt diese Angst, die sich in Albträumen und Panickattacken niederschlägt. Sie beginnt ihr Lernen aufzuschieben, immer weiter nach hinten und ist besorgt darüber. Was ist das nur, wo kommt diese Angst her und vor allem wie kann sie damit umgehen. Fragt sie, 21 Jahre alt, die mit ihrem Vater nur wenig kommuniziert, schon gar nicht über emotionale Dinge spricht. Wenn er um sie ist, spürt sie ihre Anspannung und ihr Herz schneller schlagen. Ihre Mutter bildet eine Brücke und ist Kanal der Kommunikation zwischen dieser jungen Studentin und ihrem Vater. Ihre Geschwister sind fein raus und im Beruf. Sie haben das alles schon hinter sich. Eigentlich wollte sie Kunst studieren, nun arbeitet sie täglich mit Zahlen im Studium, um im Finanzbereich arbeiten zu können. Sie träumt viel und hatte mal einen Unfall, als sie fünf Jahre alt war. Sie erinnert sich bruchstückhaft, vor allem daran, dass ihr Vater damals am Bett im Krankenhaus stand. Und sie da hat ihn das einzige Mal singen hören.

Eine Kunststudentin kommt ebenfalls zum zweiten Mal, sie steht kurz vor ihrem Auszug aus dem Elternahus, ist die älteste von vier Kindern im Haus. Sie will raus. Sie schwiegt viel, und kann kaum in Worte fassen, was sie wirklich fühlt. Es überanstrengt sie nicht, das Studium. Sie kann alles und doch kann sie sich nicht mehr motivieren. Ihre Energie ist verbraucht. Ihre Verzweiflung klebt die Stimmbänder zusammen. Vor mir sitzt eine überaus gebildete und interessante junge Studentin, die sich nichts sehnlicher wünscht, als Kunst zu studieren. Sie glückliche. Wie viele sehe ich, die das nicht dürfen, weil die Eltern gegensätzliche Vorstellungen haben. Sie ist hoch angespannt, ihre Worte kommen stockend, sie bewegt sich steif. Da ist etwas, worüber sie nicht sprechen kann. Ein auferlegtes Tabu, dass sie davor schützt, der Wahrheit zu begegnen. Im letzten Jahr war alles ganz anders, abrupt hat sich hier Leben und haben sich ihre Emotionen geändert. Sie schwimmt, und ich mit ihr.

Dreimal haben wir uns diese Woche gesehen. Am Dienstag noch wollte er sich das Leben nehmen, am Donnerstag hatte er es noch nicht geschafft, sich vor seinen Eltern zu outen. Er ist Moslem, streng gläubig, in der Mitte von 5 Geschwistern geboren. Nie ist er aufgefallen. Er mag es, wenn er anderen Leuten etwas Gutes tun kann. Vor allem seinen Eltern. Er studiert Chemie und ist im letzten Semester. Er mag nicht mehr, ist enttäuscht von seiner Wahl. Alle sind stolz in der Familie, dass er in ein paar Wochen sein Zeugnis in der Hand hält und seine Karriere beginnt. Er beginnt zu lügen, nicht mehr zur Uni zu gehen, nur noch zu feiern und fühlt sich schlecht. Wie soll er das nur seinen Eltern sagen. Er hat sie nie enttäuscht. Heute morgen hat er es geschafft und ist unendlich erleichtert. Nächste Woche kommt er wieder. Seine Zukunft planen.

Zu allerletzt kommt sie. unvermittelt. Ich habe sie heute morgen in meinem Terminkalender gesehen, ich dachte, dass sie nie wieder kommt. Ich habe wohl schon über sie berichtet. Das erste was sie tat, als sie in meinem Büro war. Mich zu umarmen und ganz fest an sich zu drücken. Ich war erschrocken, doch dann begann sie zu weinen. Trost und Halt fehlen ihr. Ich gebe es ihr gerne. Sie strahlt, als ich ihr sage, dass ich im Februar wieder komme. Sie ist wirklich in einer Zwickmühle. Leid tut sie mir nicht, aber ich habe dennoch Mitgefühl.

Tuesday, November 6

Melbourne cup, schoene Huete und viel Geld

Ein Jahr in Australien. Es kommt mir länger vor. So viel ist passiert. Beruflich habe ich mich weiter entwickelt und gute Aussichten für das kommende Jahr. Im Februar 2008 werde ich an gleicher Stelle, gleiche Uni weiter arbeiten können. Ein Angebot, das mich zur rechten Zeit erwischt und meine Stimmung hebt.

Heute war das Pferderennen in Melbourne (ich habe bereits im letzten Jahr einen Blog dazu geschrieben, Tuesday 07.11.2006). Gestern habe die Verkäuferinnen bereits Hut getragen. Heute haben wir alle etwas zu essen mit gebracht. Zu trinken gab es Champus.

Mit einem wundervollen Buffet, guter Laune und selbsterverständlich einem Hut auf dem Kopf haben wir 1,5 Stunden zusammen gesessen, geschlemmt und das Super Race gesehen. Ich habe mich wohl gefühlt und irgendwie angekommen. Sicher hat das auch damit zu tun, dass ich weiß, dass es dort weiter gehen wird. Den roten Hut hat mir eine Kollegin gebastelt. Ich habe dafür kein Händchen. Wir haben wirklich lustige Bilder machen können. Mein Chef outete sich als Potter fan mit einem riesen Zauberhut auf dem Kopf. Er ist schon etwas abgedreht. Wenn man nicht wüsste, dass er der Chef eines so großen Service ist, man würde es nicht erkennen.

Thomas ist im Landeanflug auf Hamburg und hat mal wieder einige Kilometer abgerissen. Während ihn Kälte und Regen erwarten beginnt es hier richtig warm zu werden. Ich drive mit meinem kleinen Mietauto durch die Gegend. Unser Auto wird erst in drei Wochen wieder fahrbar sein (hoffentlich). Wie wohl schon geschrieben, hätte ich so lange nicht ohne Auto sein können.

Sunday, November 4

Irgendwas auf dem Weg zum Etwas

und immer noch nicht erprobt im Abschied nehmen. Thomas fliegt nach Europa und ich verbringe die erste Nacht in meinem angebrochenen zweiten Jahr alleine in Australien. Im Gegensatz zum letzten Jahr bin ich fest eingebunden in meinem Job, der ab Februar 2008 weiter gehen wird. Eine Perspektive, die mich hoffen lässt. Kann ich ab Ende November erstmal wieder Energie tanken.

Dieses Jahr hat mich so viel Kraft gekostet, ich stoße immer noch täglich an meine Grenzen. Herausforderungen, wie ich sie davor lange nicht hatte, jagen sich und ziehen Strom, der unbezahlbar wird. Ich habe so viel erleben dürfen und bin in der Summe mit allem zufrieden. Noch vor einem Jahr habe ich nicht mal eine Idee davon gehabt, wie es wohl sein wird, wenn das erste Jahr rum ist. Geschweige denn, wo ich wohl sein werde. Beruflich habe ich mich weiter entwickelt und bin alles in allem zufrieden mit den Chancen und Herausforderungen. Zwei stehen mir nun noch bevor in den kommenden Wochen. Dann darf ich mich entspannt zurück lehnen und tanken gehen.

Noch vor einem Jahr habe ich niemals gedacht, meine Schwester und meine Mutter hier bei mir zu Besuch zu haben. Noch vor einem Jahr habe ich nicht daran gedacht, wie schwer es bleiben wird, immer wieder Abschied zu nehmen. Noch vor einem Jahr habe ich nicht geglaubt, irgendwas in beruflicher Hinsicht auf die Beine zu stellen. Noch vor einem Jahr habe ich nicht geahnt, dass ich so viel in mir entdecke.

Ich Grundoptimist, ich beginne die Gegenseite kennen und begreifen zu lernen. Meine strikte Weigerung, auch nur einen Schritt in diese Dunkelheit zu gehen, habe ich aufgegeben. Ich konnte es nicht mehr leisten, dagegen anzukämpfen. Es ist kein Pessimismus, es ist eher das depressive Empfinden, das ich nie zuvor hatte. Mein innerer fight against it hat verloren. Ich betrachte es nicht als Niederlage, eher als persönliches Fortkommen. Zum Leben gehören beide Seiten. Es ist eine Frage meiner inneren Balance.

Im Moment bin ich wakelig. Auf den Beinen. Ich habe die Gerade noch nicht ziehen können. Das es zwischendurch kippelt, begrüße ich. Das Ungleichgewicht, entgegen meiner mir bisher vertrauten Gefühle, kann ich nur schwer meistern.

Mit einem Bein auf der Couch liegt bei mir am Bett, das Buch, das ich mit einem persönlichen Beitrag von mir bereichern durfte. Ich erinnere die Überschrift "Auf der Suche nach Etwas". Ich suche immer noch, und habe schon irgendwas mehr gefunden. Mein Kontrollzwang herrscht und kämpft, meine dunkle Seite wird mächtiger. Sie holt sich Energie. Von wo, weiß ich nicht.

Das Irgendwas füllt sich mit Leben, wenn ich dem auch noch keinen Namen geben kann. Es nimmt diffuse Konturen an. Meine Motivation ist im Irgendwo zwischen dem Unter- und Erdgeschoss stecken gebleiben. Mein Körper ist steif und faul geworden. Meine Konzentration ist auf Reise. Wohin auch immer. Meine Freude ist selten Gast. Ich lache nicht. Ich weine nicht.

Ich überlebe noch.